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„Made in Germany“ – Relikt der Vergangenheit?

1. März 2018
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Made in Germany, das galt einmal auf der Welt als Zeichen für Qualität, Perfektion und Erfindergeist. Überall wo dieses Zeichen zu finden war, wussten die Käufer, die Deutschen, die haben es einfach drauf. Da klappt die Organisation, da ziehen alle an einem Strang, wenn es darauf ankommt und wenn es mal Probleme gibt, dann findet sich bestimmt bald eine Lösung. Und das dann auch alles termingerecht. Dieses Bild muss man mittlerweile leicht korrigieren, halt nein, das stimmt nicht, man muss es komplett anders ausdrücken. Der Begriff Made in Germany hat sich in den letzten Jahren in das genaue Gegenteil verkehrt. Heute steht es für planlose Konzepte, Kostenexplosionen im Milliardenbereich, Bauverzögerungen von über einem Jahrzehnt. Und das Schlimmste daran ist: das scheint niemanden in der Politik sonderlich zu stören.

Wollen wir uns mal die großen Drei anschauen, die in unserer Wahrnehmung besonders hervorstechen. Da ist zum einen die Elbphilharmonie, die „Elphi“, Hamburgs neues Wahrzeichen, eröffnet im Januar 2017 nach über acht Jahren Bauzeit. Die zweite Wunderbaustelle ist der neue Hauptstadtflughafen in Berlin, der eigentlich seit 2011 in Betrieb sein sollte. Und zu guter letzt haben wir da noch die große klaffende Wunde in der Landeshauptstadt von Baden-Württemberg, Stuttgart 21 heißt der neue Hauptbahnhof, der alle Maßstäbe sprengt und eine ganz neue eigene Liga der Fehlplanungen eröffnet hat. Aber der Reihe nach, fangen wir im hohen Norden an.

In Hamburg sollte ein neues Konzerthaus entstehen, sichtbar für die ganze Welt als Wahrzeichen für die Stadt. Der große Konzertsaal sollte neue Maßstäbe setzen und der japanische Akustiker Yasuhisa Toyota hat dabei wirklich erstaunliches geleistet. Insgesamt 10.000 Akustikpaneele, jedes einzelne ein Unikat, erzeugen ein unvergleichliches Klangerlebnis. Die Kritiker waren begeistert. Aber noch etwas ist besonders an diesem Bau. Der Saal ist akustisch vom Rest des Gebäudes getrennt, das heißt Schwingungen von außerhalb kommen gar nicht erst an die Wände des Saals. Kein Schiffshorn aus dem Hafen, keine Windböe am Haus, nichts dringt durch. Und um dieses Kunststück hinzubekommen, mussten sich die Ingenieure einiges einfallen lassen und das war nicht billig. Baubeginn war 2007 und fertig sein sollte alles 2010 für geplante 241 Millionen Euro. Letztendlich war es etwas teurer, nämlich das 3,6-fache und das macht 866 Millionen Euro für sieben Jahre Bauverzögerung. Aber hey, immerhin steht das Ding jetzt da und macht das was es tun soll. Es ist ein großartiges, wenn auch viel zu teures Konzerthaus geworden.

Fahren wir nun nach Berlin, zum Willy-Brandt-Flughafen, Kennung BER. Mittlerweile löst die Nachricht, dass der Flughafen wahrscheinlich erst Ende 2020 eröffnet werden kann, nur noch ein bundesweit bemühtes Gähnen aus, so sehr hat man sich an solche Meldungen schon gewöhnt. Seit der geplanten Inbetriebnahme 2011 ist es mittlerweile die siebte Verschiebung, so etwas wird halt auch irgendwann zur Routine. Gesetzt den Fall, dass Ende 2020 wirklich alles fertig sein sollte, und so richtig sicher ist sich da niemand, dann ist die Verspätung sage und schreibe fast ein ganzes Jahrzehnt. Das muss uns erst mal jemand nachmachen. Und was die Kosten angeht, da sind wir von den geplanten 1,7 Milliarden Euro heute bei 6,5 Milliarden Euro angekommen, doch das ist auch noch „ausbaufähig“, Entschuldigung, kleines Wortspiel. Kostensteigerung hier also das 3,8-fache der geplanten Summe, Berlin schlägt also Hamburg.

Warum dieser Flughafen einfach nicht fertig werden will, das kann eigentlich niemand mehr so richtig nachvollziehen. Die Entrauchungsanlage, die Sprinkleranlage, der Brandschutz allgemein, ach irgendwie ist die ganze Technik anfällig für Störungen und jede Begehung des TÜVs lässt da neue Mängel erkennen. Die Bauleute sprechen bei der Feuerschutzanlage nur noch von „Dem Monster“, das sagt eigentlich alles aus. Die Schuld für dieses ganze Desaster wird regelmäßig verteilt und einer schiebt dem anderen den schwarzen Peter zu. Jeden Tag kostet es den Steuerzahler eine Million Euro, dass der Betrieb nicht läuft und das Beste ist: wenn er dann am Sankt- Nimmerleinstag endlich einmal den Betrieb aufnehmen sollte, dann ist er vom ersten Tag an nicht nur veraltet, sondern auch noch zu viel zu klein für das dann anstehende Passagieraufkommen. Wussten Sie dass jeden Tag dreizehn mal eine leere S-Bahn in den Flughafen Bahnhof einfährt, damit die Schienen nicht verrosten? Das wäre ja alles total lustig, wenn es nicht gleichzeitig so verdammt traurig wäre, oder?

Und wenn man denkt auf der nach oben offenen Inkompetenz-Skala geht es nicht mehr weiter, dann bitte folgen Sie mir doch mal in den Süden, wo ein Projekt sämtliche Vorgaben für gesunden Menschenverstand von Anfang an missachtet hat. Stuttgart 21 heißt die riesige Baugrube, die seit 2010 nun Gegner und Anwohner auf die Barrikaden treibt. Anfang Januar 2018 war die 400. Montagsdemonstration gegen das Megaprojekt mit über 4000 Teilnehmern, die lautstark ihren Frust und ihren Zorn zum Ausdruck gebracht haben. Jeden Montag, bei Wind und Wetter standen sie auf einsamem Posten und haben versucht das Fähnchen der Vernunft hoch zu halten, aber bei Bahn und Regierung ist man blind und taub, und zwar von Anfang an. Warum? Während in Hamburg und Berlin die immensen Kosten letztendlich doch mit einem Mehrwert an Leistung verbunden sind, kommt es bei Stuttgart 21 zu einer Verschlechterung der Leistungen.

Konkret: Die Elphi bringt ein Plus an Kulturangeboten, unabhängig davon, dass sich viele Menschen so ein Ticket ins Konzert gar nicht leisten können. Und der Berliner Flughafen wird irgendwann mehr Passagiere befördern können als Schönefeld und Tegel heute zusammen. Unabhängig davon, ob er dann schon wieder zu klein sein wird. Ganz anders sieht es da in Stuttgart aus, denn dort gibt es ein Novum in der Geschichte der Monsterprojekte. Hier werden für unglaubliche Summen an Steuergeldern Schienenkapazitäten abgebaut, ja genau, richtig gehört, es werden danach in der Rushhour rund ein Drittel weniger Passagiere ankommen als in dem jetzt bestehenden Kopfbahnhof.

Als ich das zum ersten Mal gelesen habe, dachte ich es ist ein Artikel vom Postillion. Ich dachte das sei Satire, aber es ist totaler Ernst. Hinterher wird es weniger Passagiere geben als zu Spitzenzeiten vorher und dieser Wahnsinn wird uns dann mit großer Wahrscheinlichkeit 10 Milliarden Euro gekostet haben, zehntausend Millionen Euro Steuergelder. Aber so weit wird es wahrscheinlich gar nicht kommen, denn, und jetzt wird es richtig bizarr, der Bahnhof wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nie fertig werden. Es gibt nämlich ein neues Gutachten vom August 2016, welches die Bahn schon eine ganze Weile geheim gehalten hat, aber wie es halt so ist, irgendwann kommt eben alles ans Tageslicht. Und was steht da drin? Nun, vorher noch ein kleiner Schnellkurs in Geologie: Alle Tunnelröhren des geplanten unterirdischen Bahnhofs führen durch Felsformationen aus Anhydrit. Dieses Mineral verwandelt sich in Gips, wenn es mit Wasser in Berührung kommt. Das Zeug dehnt sich dann aus wie Hefe bei Wärme und das führt dazu, dass sich der Boden stark ausdehnt. Wer sich die Folgen von diesem Effekt einmal genau anschauen möchte, dem empfehle ich einen Besuch in Staufen im Breisgau. Dort hat man 2007 nach Thermalquellen gebohrt und dabei die Anhydrit-Schicht durchstoßen, und die ist dann wie ein Hefekuchen aufgegangen. Die Stadt hat sich um 12 Zentimeter gehoben und dabei sind mittlerweile in 90 Prozent der Häuser Risse aufgetreten. Es geht soweit, dass manche Häuser gestützt werden müssen, sonst würden sie einstürzen. Und für Stuttgart 21 heißt das, dass die geplanten Tunnelwände viel dicker als geplant gebaut werden müssen, was alles noch teurer macht und noch weiter verzögert.

Aber das wusste man vorher alles schon, und das war den Fachleuten von Anfang an bekannt, deswegen gab es ja die riesigen Proteste, die brutal niedergeknüppelt wurden. Wir erinnern uns an die Bilder der Wasserwerfer und die brutalen Polizeieinsätze gegen die Demonstranten. Der Irrsinn dieses Projekts wurde gegen jede Vernunft und gegen jede Kritik durchgesetzt. Und unser geheimes Gutachten, was stand da noch mal drin? Da kann man in verklausulierter Form lesen, dass es leider von der technischen Seite her keine Garantie geben kann, dass sich diese Bautechnik auch wirklich beherrschen lässt. Soll heißen, irgendwann wird es sicher zu Problemen kommen und einzelne Tunnelröhren müssen gesperrt und repariert werden, was ein verkehrstechnischer Albtraum sein wird, denn dann werden täglich 300.000 Pendler im Verkehrschaos feststecken. Das ist Scheitern mit Ansage. 10 Milliarden Euro für weniger als vorher, eine deutsche Innovation. Made in Germany, das war einmal. Heute steht es für Korruption, Inkompetenz und jahrelange Verzögerungen. Aber das traurige daran ist, im günstigsten Fall ist es nur Dummheit, dass so etwas passieren kann. Vielleicht gibt es aber auch eine andere Erklärung. Darüber sprechen wir ein anderes mal. Übrigens, die Chinesen bauen gerade einen Flughafen für 100 Millionen Passagiere im Jahr, das ist so groß wie die Flughäfen Frankfurt und München zusammen. Was glaubt Ihr, wie lange die wohl brauchen werden?

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