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Wie ich half, ISIS zu erschaffen

16. Januar 2017
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Kommentar von Vincent Emanuele (übersetzt von Petra Weddige)

emanVincent Emanuele, Jahrgang 1984, ist in Chicago aufgewachsen und ging bereits im Jugendalter von 18 Jahren zu den Marines. Obwohl sein Vater ihm mit dem Hinweis auf die Analogien zu Vietnam abriet, verpflichtete sich der junge Soldat und wurde zweimal im Irak eingesetzt. Nach seinem Ausstieg aus dem Militärapparat wurde er Friedensaktivist, unter anderem bei den IVAW (Iraq Veterans Against War), begann zu schreiben und über seine Erlebnisse und deren Zusammenhänge mit anderen gesellschaftlichen Phänomenen in Vorträgen und Interviews zu berichten. Seine militärischen Auszeichnungen schleuderte er zwischenzeitlich in einer vielbeachteten Aktion demonstrativ seinem ehemaligen Arbeitgeber vor die Füße.2 Die zum Teil sehr persönlichen Augenzeugenberichte erweisen sich als ein wertvoller Teil eines größeren Bildes über geopolitische Zusammenhänge. Ergänzende Informationen, auch über seinen persönlichen Hintergrund, gibt Vincent Emanuele in weiteren Interviews auf Telesur und Byoblu.3

„Wie ist ISIS entstanden?“ Diese Frage haben sich in den letzten Jahren viele Menschen rund um den Erdball gestellt. Die Erklärungen variieren, aber zumeist fokussieren sie sich auf geopolitische (U.S. Hegemonie), religiöse (Sunniten vs. Schiiten), ideologische (Wahabismus) oder ökologische (Flüchtlinge durch Klimawandel) Ursprünge. Viele Kommentatoren und auch ehemalige Militär-Offizielle vermuten aber zurecht, dass vor allem der Irak-Krieg für die Entfesselung der Kräfte, die wir als ISIS, ISIL, Daesh usw. bezeichnen, verantwortlich war. Ich möchte diesem Aspekt einige persönliche Überlegungen und Erfahrungen hinzufügen.

Mesopotamische Albträume

Als ich im Irak von 2003 bis 2005 beim ersten Bataillon, siebte Marines, stationiert war, wusste ich nicht, welche Auswirkungen dieser Krieg haben würde; aber ich wusste, dass es sicher irgendeine Abrechnung geben wird. Wie ein geworfener Bumerang, der zu seinem Ausgangspunkt zurückkehrt, erfahren wir nun diese Vergeltung rund um die Welt (Irak, Afghanistan, Jemen, Libyen, Ägypten, Libanon, Syrien, Frankreich, Tunesien, Kalifornien usw.); ein Ende ist nicht in Sicht.

Zurück in den Irak: Während meiner Zeit dort war ich regelmäßig Augenzeuge von Gräueltaten und ich nahm an diesen selbst Teil. Im Westen wurde freilich von diesen Schrecken des Krieges nie wirklich Notiz genommen. Zweifelsohne versuchten Organisationen von Kriegsgegnern, das Grauen des Krieges im Irak zur Sprache zu bringen, aber die Massenmedien, die akademische Welt und politische Kräfte des Westens erlaubten keine seriöse Aufarbeitung des größten Kriegsverbrechens des 21. Jahrhunderts.

Als wir während unserer Patrouille durch eine unübersichtliche Region Iraks, die Provinz Al-Anbar, die Reste unserer Einmannpackungen (MRE) aus den Fahrzeugen warfen, habe ich nicht im Ansatz daran gedacht, wie wir einmal in die Geschichtsbücher eingehen würden; ich wollte einfach nur Platz in meinem Humvee schaffen. Jahre später lauschte ich in einem Kurs über die Geschichte der westlichen Zivilisation an der Universität einem Vortrag meines Professor über die Wiege der Zivilisation und dachte an unseren MRE-Müll auf diesem geschichtsträchtigen Boden der mesopotamischen Wüste.

Bei der Betrachtung der jüngsten Ereignisse in Syrien und Irak, kommen mir die kleinen Kinder ins Gedächtnis, denen meine Kameraden Skittles aus den MRE-Packungen zuwarfen. Süßigkeiten waren aber nicht die einzigen Objekte, mit denen diese Kinder beworfen wurden: mit Urin gefüllte Wasserflaschen, Steine, Abfälle und andere Dinge prasselten ebenso auf sie nieder. Ich frage mich oft, wie viele ISIS-Mitglieder und Anhänger anderer Terror-Organisationen sich ebenfalls an solche Vorgänge erinnern.

Darüber hinaus denke ich an hunderte Häftlinge, die wir gefangen nahmen und in provisorischen Internierungsstätten folterten, deren Personal Teenager aus Tennessee, New York und Oregon waren. Glücklicherweise musste ich meinen Dienst nie in solch einer Einrichtung verrichten, aber ich erinnere mich an die Geschichten von dort. Ich erinnere mich lebhaft an die Marines, die mir erzählten, wie Iraker gestoßen, geschlagen, getreten, mit Ellbogen und Knien malträtiert und mit Kopfstößen traktiert wurden. Ich erinnere mich an Geschichten von sexueller Folter: Iraker wurden zu sexuellen Handlungen miteinander gezwungen, während Soldaten Messer an ihre Geschlechtsteile hielten und sie manchmal mit Gegenständen anal vergewaltigten.

Freilich, bevor diese Gräuel stattfinden konnten, hatten diejenigen von uns in den Infanterie-Einheiten das „Vergnügen“, Iraker binnen nächtlicher Razzien zu fangen, ihre Hände mit Kabelbindern zu fesseln, ihnen einen Sack über den Kopf zu ziehen und sie auf die Humvees und Lkw zu werfen, während Frauen und Kinder kollabierten, auf ihre Knie fielen und jammerten. Manchmal nahmen wir sie auch tagsüber mit. Meistens haben sie sich nicht gewehrt. Einige hielten sich an den Händen, während Marines den Gefangenen mit dem Gewehrkolben ins Gesicht schlugen. Wenn sie in die Internierungs-Unterkünfte kamen, wurden sie für Tage, Wochen, ja sogar Monate dort festgehalten. Ihre Familien wurden nicht benachrichtigt. Und als sie dann entlassen wurden, fuhren wir sie von der FOB (Forward Operating Base: vorgeschobene Operationsbasis) in die Mitte der Wüste und ließen sie dort, viele Meilen von ihrer Heimat entfernt, frei.

Nachdem wir die Kabelbinder durchtrennt und ihnen die schwarzen Säcke von den Köpfen genommen hatten, schossen etliche unserer debileren Marines mit ihren AR-15 in die Luft oder in den Boden, um die kürzlich entlassenen Gefangenen zu erschrecken. Immer zur Belustigung. Die meisten Iraker rannten in der Hoffnung davon, dass da draußen die Freiheit wartet, immer noch weinend von ihrem langen Martyrium in der Internierung. Wer weiß, wie lange sie überlebten. Am Ende hat es niemanden gekümmert. Wir wissen aber, dass ein ehemaliger U.S. Gefangener überlebt hat: Abu Bakr al-Baghdadi, der Anführer des ISIS.

Erstaunlicherweise erreichte die Fähigkeit, das irakische Volk zu entmenschlichen einen weiteren Höhepunkt, nachdem Kugelhagel und Explosionen verhallt waren. Viele Marines verbrachten ihre freie Zeit damit, Bilder des Todes zu schießen, Leichen aus Spaß zu verstümmeln oder für ein billiges Gelächter mit spitzen Gegenständen in die aufgedunsenen Körper zu stechen. Weil es damals noch keine iPhones gab, kamen etliche Marines mit Digitalkameras in den Irak. Diese Kameras bergen eine unerzählte Geschichte des Irak-Krieges, eine Geschichte, von der der Westen hofft, dass sie die Welt vergisst. Diese Geschichte und jene Kameras bergen auch Material von schrecklichen Massakern und zahlreichen anderen Kriegsverbrechen; Begebenheiten, die die Iraker nicht vergessen werden.

Bedauerlicherweise könnte ich mir zahllose, entsetzliche Details meiner Zeit im Irak ins Gedächtnis rufen. Unschuldige Menschen wurden nicht nur routinemäßig gefangen genommen, gefoltert und inhaftiert; Hunderttausende wurden außerdem verbrannt, einige Studien gehen von Millionen aus.

Nur die Iraker verstehen das schiere Böse, das über ihre Nation gekommen ist. Sie erinnern sich an die Rolle des Westens im acht Jahre dauernden Krieg zwischen dem Irak und dem Iran; sie erinnern sich an Clintons Sanktionen in den 90er Jahren, eine Politik, die mit dem Tod von weit über 500.000 Menschen, zumeist Frauen und Kinder, endete. Dann kam das Jahr 2003, und der Westen hat seine Arbeit vollendet. Heute ist der Irak eine völlig zerstörte Nation. Die Menschen sind vergiftet und verstümmelt und die Umwelt ist durch die Verwendung von Uran-Munition hochtoxisch. In den vierzehn Jahren Krieg gegen den Terror hat der Westen die Barbarei geschürt und gescheiterte Staaten geschaffen.

Mit den Geistern leben

Die warmen, klaren Augen der jungen irakischen Kinder verfolgen mich ständig. Die Gesichter derjenigen, die ich getötet habe, oder zumindest diejenigen, die mir gerade nahe genug waren, um sie zu überprüfen, werden niemals aus meinen Gedanken verschwinden. Meine Albträume und täglichen Reflexionen erinnern mich daran, woher ISIS kommt und warum sie uns genau hassen. Dieser Hass – nachvollziehbar und bedauernswert – wird dem Westen für die nächsten Jahre und Jahrzehnte auf die Füße fallen. Wie könnte es auch anders sein?

Noch einmal: Das Ausmaß der Zerstörung, die der Westen dem mittleren Osten zugefügt hat, ist absolut unvorstellbar für die große Mehrheit der Menschen in den Industriestaaten. Wenn Menschen im Westen naiv „warum hassen sie uns“ fragen, muss dies deutlich gesagt werden.

Kriege, Revolutionen und Gegenrevolutionen finden statt und anschließend müssen sich Generationen mit den Resultaten daraus zurecht finden: Zivilisationen, Gesellschaften, Kulturen, Nationen und Individuen überleben oder gehen unter. So ist der Lauf der Geschichte. Wie der Westen in Zukunft mit dem Terrorismus leben wird, hängt zum größten Teil davon ab, ob der Westen sein eigenes terroristisches Verhalten fortführt oder nicht. Der naheliegende Weg, ISIS-ähnliche Strukturen zukünftig zu verhindern, ist, sich der westlichen Militarisierung in seinen katastrophalen Formen entgegen zu stellen: den CIA-Staatsstreichen, Stellvertreterkriegen, Drohnenangriffen, Feldzügen zur Aufstandsbekämpfung, Handelskriegen usw.

Zwischenzeitlich werden diejenigen von uns, die direkt an dem militärischen Genozid im Irak beteiligt waren, mit den Geistern des Krieges leben müssen.

1 http://www.telesurtv.net/english/opinion/I-Helped-Create-ISIS-20151218-0016.html

2 https://www.youtube.com/watch?v=OM4bHxKUKVs

3 http://www.telesurtv.net/english/opinion/Life-War-and-Organizing-20150217-0033.html https://www.youtube.com/watch?v=ZU7KkW3faJQ

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