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“Wahre Welle TV”: FAKE NEWS im Staatsauftrag

25. Juni 2018
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Screenshot von wahrewelle.tv: Lupenreine Fake News auf Kosten des Steuerzahlers

Die Bundeszentrale für politische Bildung (BpB) in Bonn betätigt sich zunehmend im Onlinebereich bei der staatsbürgerlichen Erziehung der Bundesbürger. Nicht alle davon brechen darüber in lauten Jubel aus: Ein Satireprojekt, bei dem ernstzunehmende Themen einfacher Menschen mit absurden Verschwörungstheorien vermengt werden, erregt lauten Protest in den Sozialen Medien. Der Spaß zur Umerziehung kostet den Steuerzahler mehr als 150.000 Euro.

Seit Mitte vergangener Woche hatte ein laut eigener Ankündigung 24-stündiger Nachrichtensender namens „Wahre Welle TV“ für ordentlich Furore in allen politischen Lagern bei Facebook gesorgt. Mit professionellem Design-Logo und technisch anspruchsvollem Werbetrailer und Webseite warb wahrewelle.tv ganz offensichtlich um Zustimmung und Interesse im Pegida-Milieu und 9/11-Truthern. „ALLES, WAS DU WISSEN MUSST“, wurde den Besuchern der Seite vollmundig angekündigt. Ein „erster wirklich aufgeklärter Online-TV-Sender“, der „die Wahrheit hinter der Wahrheit“ zeige. „Zu viele offene Fragen bei 9/11, immer weniger Deutsche in Großstädten“, kündigte der „Sender“ seine Themen an. Dem Augenschein nach durchschnittliche Wutbürger äußerten in dem Werbetrailer Ansichten über Themen wie „Islamisierung“, Chemtrails (Schlagzeile: „Gift in der Luft“) – und die Frage: „Wer regiert uns eigentlich?“ Nicht nur rein optisch, auch rhetorisch ließen es die Macher des Werbefilmchens ordentlich krachen: „Es kommt die Zeit, an der das Kartenhaus der Lügen zusammen bricht“ erklärt eine PR-Stimme im Stil der Ankündigung eines sensationellen neuen Herren-Rasierapparates, bebildert mit emotional verstörenden Elementen von Aufständen und eines brennenden Reichstagsgebäudes. Äußerungen, wie sie in unruhigen politischen Zeiten keine Seltenheit in der Bevölkerung sind, wurden ehrlich und rechtschaffen aussehenden Deutschen in den Mund gelegt: Eine in Zeitlupe joggende Frau fragte sich, „wie es weitergehen soll.“ Ein verdrießlich drein blickender Holzarbeiter klagt bei der Arbeit, zur hoffnungsfroh erschallenden Begleitmusik: „Ich kann diese ganzen Lügen nicht mehr hören.“ Ein junger Vater, nebst Frau und Kind vor dem farbenfrohen Horizont abgebildet, möchte, dass seine „Familie eine Zukunft hat.“

Mehr als 3.100 Facebook-Nutzer gaben dem durch bezahlte Facebook-Werbung angekündigten „Sender“ seit dessen erster Ankündigung am 20. Juni ein „Gefällt mir“. Die Fachwelt und die Alternativen Medien rätselten, wer wohl dahinter stünde – denn allein die professionelle Aufmachung verriet: Hinter diesem Unternehmen steckt ein potenter Geldgeber. Die österreichische Webseite Mimikama.at recherchierte zu Urheber der Kampagne und fand heraus: So gut wie nichts. Die Webseite im Februar 2018 anonym registriert, suchte die „Wahre Welle“ bei LinkedIN nach gerade mal einem „freien Mitarbeiter“ im Raum Berlin, dem man ein „heimatbezogenes Team“ biete, „das noch an echten Journalismus glaubt.“

Oberster Chef der BpB: Horst Seehofer (CSU) Foto: Ralf Roletschek/Roletschek.at

Spätestens in der Nacht zum Montag wurde dann klar: Hier war nicht etwa ein neuer TV-Sender am Werk, ohne „Lügen“ und mit „echtem Journalismus“, sondern die dem Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) unterstehende Bundeszentrale für politische Bildung hatte sich einen Scherz auf Kosten der Steuerzahler erlaubt – und zwar einen teuren. BpB-Referentin Miriam Vogel teilte NuoViso auf Anfrage mit: „Das Format kostet rund 150.000 € und beinhaltet – neben den Videos und der Homepage – das Community-Management, die Betreuung der Bildungsaktion in den kommenden Tagen und Monaten, die Informationstexte auf bpb.de, die wissenschaftliche Begutachtung und so weiter.“ Mit der technischen Umsetzung des von der BpB erteilten Auftrags sei die Berliner Turbokultur GmbH betraut worden, eine Firma, bestehend aus „fünf Redakteurinnen bzw. Redakteuren sowie zwei hauptverantwortlichen Koordinatoren“. Laut whois-Abfrage wurde ihre URL turbokultur.com zwar schon vor dreieinhalb Jahren registriert, hatte aber bis zum Redaktionsschluss zu diesem Artikel noch keine fertige Webseite darauf geschaltet. Wer die konkreten Betreiber des in Berlin-Neukölln angesiedelten Unternehmens sind, nannte die BpB nicht. In der Behörde selbst seien ein produktverantwortlicher Referent, eine Texterin und „eine Vielzahl an weiteren Kolleginnen und Kollegen in die Abstimmungsprozesse während der Erstellung mit einbezogen“ gewesen, so BpB-Referentin Vogel. Die Idee, „ein unterhaltsames Format in den Sozialen Medien zum Thema Verschwörungstheorien“ zu entwickeln, sei vor etwa einem Jahr entstanden. Für die seit dem offiziellen Start von „Wahre Welle TV“ verfügbaren sechs Kurzfilme wurden demnach „allesamt Schauspieler“ aufgeboten. „Die Inhalte, bzw. die Verschwörungstheorien, die in dem Format ‚Wahre Welle‘ dargestellt und behandelt werden sollten, wurden von der bpb vorgegeben“, erklärte die Sprecherin. Die Inhalte seien zudem „von Experten aus dem Themenfeld ‚Verschwörungstheorien‘ begutachtet“ worden.

Die Begutachtung durch das Publikum ruft dagegen deutlichen Protest hervor. Hunderte enttäuschte Internetnutzer fühlen sich offensichtlich von der Bundeszentrale vor- und an der Nase herumgeführt. Ein Facebook-Nutzer namens Kai G. spottete zurück: „Also Entwarnung. In Deutschland gibt es keine Probleme. Nun kann ich meine 13 Jährige Tochter ohne bedenken wieder um 21 Uhr auf die Straße schicken. Juhu!“ In einem viel beachteten Kommentar schimpft Dagmar L.: „Das ist so erbärmlich…mir kommt gerade die Galle hoch!! Ich hatte mich mit vielen anderen schon gewundert, wieso ihr die Erlaubnis hattet, im Kino Werbung zu machen. Ein schönes Leben noch und hoffentlich begreift ihr eines Tages, dass ihr mit dieser “Nummer” echt daneben gelegen habt. Man spielt nicht mit der Wahrheit oder einem Teil von ihr!! Es ist einfach nur infam und dumm.“

Posierende Wetterfee vor Deutschlandkarte von 1937: Ein Fest für Reichsbürger

Als „unseriös und abstrus“ bezeichnet Jörg G. das Projekt: „Deshalb verlasse ich diese Seite nach Beendigung meines Beitrages auch wieder, denn sie vermittelt m. E. keine Hilfe beim Umgang mit Medien bewusster über vermeintliche Wahrheiten, abstruse Argumentationen und unseriöse Berichterstattung nachzudenken und diese kritisch zu hinterfragen, sondern stellt die Meinungen derer, die sich nicht im Mainstream informieren, in die Ecke der Lächerlichkeit.“ Unter den Kommentaren sind auch ungefähr zu einem Drittel zahlreiche Wortmeldungen von Usern, die sich darüber freuen, dass man es den „Verschwörungs-Schwurblern“ mal so richtig gezeigt habe.

 

Das ohne Frage unterhaltsame „Informationsangebot“ der BpB auf „Wahre Welle TV“, bestehend aus sechs Kurzfilmen verschiedener „Sendeformate“ bewegt sich jedoch unter den so genannten „Verschwörungstheorien“ wie der sprichwörtliche Elefant im Porzellanladen: Da werden Zweifler an der offiziellen Version zum 11. September 2001 durcheinander gewürfelt mit Spinnern, die daran glauben, „Echsenmenschen“, also eine bösartige Alien-Spezies, habe die echten Körper von Politikern wie Angela Merkel aufgefressen und sich deren Häute übergestülpt, um die Menschheit in ihren Untergang zu führen. Die Fake-Sendung „Frontal 23“ bedient die Klischees von Leugnern des Klimawandels, während sie die Kritiker eines „Staatsfunks“, also sinnbildlich, der „Lügenpresse“ ebenfalls einbezieht, mittels einer Moderatorin, die wenige Worte später vor einer Wetterkarte des Deutschen Reichs von 1937 posiert.

Jongliert mit antisemitisch angehauchten Motiven – dem Steuerzahler sei dank.

Zweifler am Klimawandel und Kritiker deutscher Medien finden sich wieder inmitten rechtsradikaler Weltansichten. Ein „angesehener Wissenschaftler“ namens Dr. Hannes Malm erklärt, weshalb die Anschläge vom 11. September mit „grünen Flammen“ und einer Umkehr des Erdmagnetfelds und mit anderen Seltsamkeiten einher gegangen seien. Aufmerksame Leser des altehrwürdigen und unzweifelhaft tatsächlich seriösen Wissenschaftsmagazins „Europhysics News“ und anderer glaubwürdiger Fachmedien dürften sich deutlich auf den Schlips getreten fühlen: Durch zahlreiche, offizielle Veröffentlichungen in den USA selbst ist inzwischen unstrittig, dass die regierungsseitigen Erklärungen der Ereignisse von jenem Tag im Jahr 2001 ein gewaltiges Potential für Richtigstellung und Konkretisierung aufweist, um es nett zu formulieren.

Ob die Bundeszentrale für politische Aufklärung ihrem namentlich erteilten Auftrag durch die an Desinformationstechniken erinnernde „Wahre Welle“-Publikation gerecht geworden ist, sei dahin gestellt. Die BpB plant nach eigener Aussage derzeit keine weiteren Projekte dieser Art. Hauptsächlich veröffentlicht die Zentrale Druckwerke und Zeitschriften, mit einem Jahresbudget von rund 50 Millionen Euro.

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