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Vom „Wut-Bürger“ zum „Mut-Bürger“

12. August 2016
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– Kommentar von Götz Wittneben –

Der „Wut-Bürger“ – erzeugte und bewusst gelenkte Wut.

In den letzten Jahren tauchte der Begriff des „Wut-Bürgers“ auf, der die Schweinereien der „Mächtigen“ nicht mehr klaglos hinnimmt und viele konnten und können sich damit identifizieren. Die Medien präsentieren uns täglich auf’s Neue Institutionen oder Menschengruppen, die sie als geeignet ansehen, den Zuschauer oder Leser in Wut-Resonanz zu bringen. Da sind die Reichen, die immer reicher werden, während das Heer der Habenichtse ständig wächst, da sind aktuell Donald Trump oder Erdogan, die uns als Prototypen von Psychopathen dargestellt werden, während uns der alltägliche politische Wahnsinn, jene alltägliche Psychopathie, noch immer als Demokratie verkauft wird. Da sind die Migranten und Flüchtlinge, die einerseits mit der regierungsbeauftragten „Willkommens-Kultur“ eingehüllt werden, von denen aber immer häufiger berichtet wird, dass ein Teil von ihnen einfach kriminell und respektlos unterwegs ist. Der Einzelne wird zwischen Gut-Menschentum – also der zutiefst menschlichen Solidarität mit den Opfern von Krieg und Grausamkeit – und Wut-Mensch hin und her gerissen.

Die sogenannten „Alternativ-Medien“ stehen zuweilen den Mainstream-Medien in nichts nach, wenn sie die Illuminaten und ihre Erfüllungsgehilfen auf politischer, ökonomischer und militärischer Ebene vom IWF über Bilderberger bis zur Nato als die „Mächtigen“ darstellen. „Lizensierte“ Whistleblower wie Edward Snoden oder David Icke tuen das Ihre, um die Macht der „Mächtigen“ im Detail auszuschmücken und unsere ohnmächtige Wut zu kanalisieren. Die alten Römer boten den Menschen grausame „Panem et Circenses“ – Brot und Spiele – beispielsweise im Colosseum an, um ein geplantes, handhabbares Ventil für angestaute Aggressionen zu schaffen und so das Volk davon abzuhalten, gegen die Verhältnisse zu rebellieren. Im Mittelalter waren es die öffentlichen Hinrichtungen, die Verbrennung von Ketzern und Hexen, die als Ventil dienten. Doch heute scheint noch ein neuer Aspekt hinzuzukommen: es scheint so, als solle die Gesellschaft polarisiert werden, um bürgerkriegsähnliche Verhältnisse zu schaffen, die Schritt für Schritt in einem totalitären Polizeistaat münden sollen. Das kann m.E. alles nur funktionieren, wenn die Menschen in diesem Land dafür einen Resonanzboden bieten.

Das Gefühl der (kindlichen) OHNMACHT ist der Schlüssel

Der Zweite Weltkrieg hat neben Millionen Toten auch Zig-Millionen traumatisierte Menschen hinterlassen. Wenn deutsche Väter nach dem Krieg wieder nach Hause kamen – wenn sie denn kamen – dann waren sie voll von grausamen Erlebnissen, entweder die ihnen als Zeuge widerfahren waren oder in denen sie als Täter agierten. Die Wut auf das Leben und auch die Wut auf sich selbst, dass sie sich zu solch grausamen Taten haben bringen lassen, war bei Millionen Vätern abgrundtief. Diese unbändige Wut brauchte ein Ventil: dafür mussten in den meisten Fällen die Kinder herhalten. Ich will das an einem Beispiel illustrieren: In Costa Rica traf ich auf einen Deutschen, der mir erzählte, dass er mit 16 von zuhause weggelaufen sei, weil sein Vater so unendlich brutal zu ihm war. Er versteckte sich in einem Kibbuz in Israel, wanderte dann nach Amerika aus, um dort zu studieren und gründete später eine Plantage in Costa Rica. Etwa im Alter von 50 Jahren kehrte er erstmals nach Hause zurück, er wollte einfach wissen, warum sein Vater so brutal gewesen war. Er konnte seinen Vater zu einem Besuch bei einer Kinesiologin überreden, die via Muskeltest herausfand, dass es da ein einschneidendes Erlebnis mit etwa 17 Jahren gegeben haben müsse. Dem Vater fiel die Kinnlade herunter und erstmals erzählte er, sichtlich emotional aufgewühlt, was er als 17jähriger erlebt hatte. Die Jungen seiner Schulklasse waren zum „Volkssturm“ eingeteilt worden, jenem letzten Verteidigungs-Aufgebot in den letzten Monaten des Krieges. Vor seinen Augen seien dabei etwa Dreiviertel seiner Klassenkameraden elendig krepiert.

Diese Wut auf das Leben hatte der Vater dann an seinem Sohn ausgelassen und er war nicht der einzige Vater. Ich bin Männern begegnet, die in ihrer Phantasie schon mehrmals ihren Vater getötet hatten als Rache für die erlittenen Schläge und Demütigungen. Eine Frau berichtete von der „Lust“ in den Augen ihres Vaters, während er sie wegen eines Vergehens beinahe zu Tode schlug. Therapeuten berichten, dass neben dem Thema „Schuld“ in ihren Praxen die unterdrückte Wut der Patienten, die sich häufig in psycho­soma­tischen Krankheiten äußert, zu den Hauptthemen zählt. Natürlich stellt die Wut der Kriegs-Väter nur eine von vielen Möglichkeiten dar, wie ein Kind der Gewalt, den Übergriffen und Demütigungen der Erwachsenen ausgeliefert sein kann. Allen diesen Erlebnisse der Kinder mit den „mächtigen Großen“ ist eines gemein: die Erfahrung absoluter Ohnmacht, die völlige Machtlosigkeit, als Kind die Situation ihr zu entrinnen (Fluchtimpulse und Wut sollen im menschlichen Gehirn in den gleichen Hirnarealen, den sogenannten „Mandelkernen“/Amygdalae repräsentiert sein) oder gar aufzulösen. Die kindliche Wut, die nicht heraus kann, wird praktisch in unseren Zellen abgespeichert und gedeckelt. Wenn wir dann als Erwachsene ähnliche Situationen erleben mit einem uns Vor-Gesetzten, dann steigt uns das Blut in den Kopf und wir fühlen uns ähnlich wie als Kind. Dabei kann mensch diese Situation mit einem ausgewachsenen Elefanten vergleichen, der noch immer an die Stärke des Strickes glaubt, mit dem er als junger Elefant festgebunden war. Mit einem kleinen Ruck seines mächtigen Fußes könnte er als erwachsener Elefant diesen Strick zerreißen.

„Auf-machen“ der Wut statt ZU-lassen

Wir wurden in der Regel als Kinder darauf konditioniert – und haben es dann selbst ständig perfektioniert – unsere Emotionen ZU ZU-lassen. Ja, das ZU-lassen haben wir gelernt. Zorn, Wut und Trotz des Kindes wurden wegen der Hilflosigkeit der Eltern von diesen zumeist bestraft, um sie zu unterbinden. Es liegt nahe, diese Hilflosigkeit darauf zurückzuführen, dass die Eltern selbst voller gestauter Wut sind und Angst vor ihr haben, auch beim allzu schnellen Trösten können wir Ähnliches beobachten. Aber es ist wie bei einem Antibiotikum (=„gegen das Leben gerichtet“) – die Pharma kann uns noch soviel davon erzählen, dass diese Chemotherapie nur die „bösen“ Bakterien trifft, also jene, die wir für Krankheiten verantwortlich machen, auch wenn es ernstzunehmende Hinweise gibt, dass der Körper sie – wie bei den Tuberkelbazillen – selbst bildet, um bestimmte Prozesse im Körper zu initiieren oder zu beschleunigen. Fakt ist, dass ein Antibiotikum eben auch viele andere Zellen schädigt, wie zum Beispiel unsere lebenswichtigen Darmbakterien. So sehe ich es auch mit der Wut – mit der Wut deckelt mensch auch eine großes Reservoir an Lebenskraft und Kreativität!

Wie also mach ich bitteschön meine Wut auf? Der erste und entscheidende Schritt ist die Überwindung der Angst vor der eigenen Wut. Und dann kann mensch eigentlich jede Gelegenheit nutzen, die sich ihm bietet, dass er seine alte Wut rauslässt. Wenn wir als Erwachsener durch einen anderen Menschen in die Emotion der Wut gebracht werden, dann ist dieser in der Regel nur der „Trigger“, der „Knöpfe-Drücker“, der uns hilft, dass wir uns von der alten Wut befreien. Damit ist nur in Ausnahmefällen gemeint, dass mensch die Wut dem Gegenüber an den Kopf schmeißt! Einer dieser Ausnahmefälle stellt das Grenzen-Setzen des erwachsenen Kindes den Eltern gegenüber dar, die die Grenzen des kleinen Kindes oft übertreten haben und es noch immer tun. In den meisten anderen Fällen hat das Gegenüber mit den Ursachen der Wut, nichts, aber auch gar nichts zu tun, er/sie ist lediglich der „Arschengel“, der uns in die Emotion hineinhilft. Der Chef als Projektionsfläche eben.

Noch ein Rat an die Intellektuellen: Der Verstand als Helfer, die Wut unten zu halten, bietet das Analysieren der Wut an. Schlagen Sie in diesem Fall sein Hilfsangebot aus und verzichten auf die Analyse, woher nun genau die Wut stammt, die da hoch kommt, Hauptsache ist, dass Sie sie rauslassen. „Aufmachen“ heißt tatsächlich, dieser Wut einen den Körper umfassenden Ton zu geben, also tönen und schreien. Wer sich dieser „Töne“ schämt, nimmt eine Jacke, ein Kissen – oder was immer zur Hand ist – als Schalldämpfer vor den Mund. Wenn die Wut richtig rauskommen durfte, dann gibt es einen kräftigen Schauer durch den ganzen Körper. Sie haben dann einen Teil Ihrer Zellen befreit und die jubeln gleichsam darüber.

Vom Wut-Bürger zum Mut-Bürger

Wenn Sie also Ihre alte Wut nach und nach aufgemacht haben, verlieren alle Versuche der Medien, Ihre Wut auf bestimmte Gruppen zu lenken, ihren Resonanzboden. Sie erkennen die medialen Manipulationen, Sie in dem Gefühl der Machtlosigkeit zu halten und holen sich Ihre Macht zurück. Sie sind erwachsen und tragen für Ihre Handlungen die volle Verantwortung – dann haben Sie auch immer, ja immer eine Wahl, die der scheinbar Machtlose nicht zu haben glaubt. Sie stehen für sich ein und können Grenzen ziehen in jeder Lebenslage. Das „W“ der Wut hat sich quasi auf die Beine gestellt und ist zum „M“ geworden, zum Mut. Was zeichnet einen freien Menschen mehr aus, als mutig seinen selbstbestimmten Weg zu gehen? Und in dem Sie das tun, können andere – insbesondere Ihre Kinder – es Ihnen nachtun! Vamos!

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