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Türkei: Erdogan putscht sich auf


16. Juli 2016

– von Norbert Fleischer –

ANKARA – Nach dem Militärputsch in der Türkei werden an dessen Echtheit Zweifel laut. Mehrere Medien äußern inzwischen den Verdacht, dass Präsident Erdogan selbst die Aktion eingerührt haben könnte, um seine Position zu festigen, als Staatslenker, der sagt, wo’s in der Türkei lang geht.

Noch in der Nacht – die „Putschisten“ waren noch gar nicht alle festgenommen – bezeichnete Erdogan den nieder geschlagenen Staatsstreich als einen Versuch seines in den USA lebenden Erzfeindes Fethullah Gülen, ihn zu beseitigen. Doch der widersprach sofort den Anschuldigungen und distanzierte sich von der erfolgten Militäraktion.
„Der eigentliche Putsch beginnt jetzt erst“, titelt sogar das Springer-Blatt „Die Welt“, und zitiert einen Taxifahrer aus Istanbul: Der Taxifahrer, ein bekennender Sozialdemokrat um die 50, spricht aus, was viele bereits in der Nacht in den sozialen Medien äußern: „Was soll das für ein Putsch sein mit fünf Panzern und zwei Flugzeugen?“, fragt er und redet sich allmählich in Wut. „Dieses Land hat viele Staatsstreiche erlebt, aber so was noch nie. Angeblich ist die Luftwaffe verwickelt. Und dann kann der Präsident mitten im Putsch nach Istanbul fliegen?“

Zweifel hat auch die türkische Tageszeitung „Hürriyet“: In einem Artikel werden Soldaten zitiert, die an gaben, sie hätten an einer Übung teilgenommen – und erst mitbekommen dass es sich um einen Putsch gehandelt habe, als das Volk ihnen wütend entgegen kam, mit Fahnen in den Händen.

Nur Stunden nach dem angeblich vereitelten Putsch hat Präsident Erdogan bereits weit reichende Reaktionen verfügt, mit einer Härte, die ohne diesen Zwischenfall selbst in der Türkei nur schwer vorstellbar gewesen wären: Er ließ 2745 Richter im gesamten Land umgehend aus dem Dienst entlassen. Sogar die Wiedereinführung der Todesstrafe wurde angekündigt.

Der ehemalige EU-Beitrittskandidat Türkei befindet sich seit heute auf dem besten Wege zu einer lupenreinen Diktatur – und das Tempo dieser Entwicklung hat immens zugenommen.

Vielleicht befindet sich die „Smoking Gun“ auf dem türkischen Luftwaffenstützpunkt in Incirlik: Von hier aus, wo die USA mit 1000 Soldaten den größten Mieter darstellen, seien Putschisten in der Nacht mit Flugzeugen unterstützt worden. Als Reaktion ließ das Erdogan-Regime für die gesamte Air Base die Strom- und Wasserzufuhr sperren. Die Amerikaner begannen daraufhin, Diesel für Generatoren einzufliegen. Auch die 240 deutschen Soldaten sitzen auf dem Trockenen.

US-Außenminister John Kerry hatte noch in der Nacht erklärt, die USA unterstützten vollständig den demokratisch gewählten Präsidenten, und nicht die Putschisten. Damit dürfte der Kurs des NATO-Lands Türkei für die nächsten Monate fest stehen: Noch mehr Befugnisse für Erdogan, mehr Türken in Gefängnissen, und die Tatsache, dass politische Gegner bald per Todesurteil aus dem Weg geräumt werden können.

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