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TAG 3: Nach Kriegsgedenken in Kaliningrad: Litauen verzögert ‚Druschba‘-Konvoi bei Anreise zum NATO-Stützpunkt

10. August 2016
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route4 TAG 3 des „Druschba“-Konvois: Vor Kaliningrader Kriegsdenkmälern spielten sich ergreifende Szenen zwischen russischen und deutschen Friedensfreunden ab. Die litauischen Grenzbeamten ließen sich eine besonders perfide Schikane für die deutschen Aktivisten einfallen. Lesen Sie hier den Bericht von NuoViso-Reporter Daniel Seidel.

9.45 Uhr: Was für eine kurze Nacht! Noch ziemlich matt erwachen wir in unserem Hostel „Crazy Dog“. Ein rauschendes Willkommensfest bei der Kaliningrader Königsresidenz liegt hinter uns – Dort sind wir alle heute früh verabredet. Um 10.00 Uhr treffen wir ein, eine halbe Stunde zu spät. Allerdings stehen gerade erst einmal drei andere „Druschba“-Autos auf dem Parkplatz. Offenbar sind wir nicht die einzigen, die letzte Nacht ausgiebig mit den russischen Freunden gefeiert haben. 10.15 Uhr: Unsere Vermutung, die Anderen seien verspätet, weicht langsam der Erkenntnis, dass sie wahrscheinlich alle schon am Denkmal von Immanuel Kant (1864 errichtet) versammelt sind, auf dem ehemaligen Paradeplatz vor der Kant-Universität. Gemeinsam mit einem zweiten Auto steuern wir die Bildungsstätte an. Unterwegs klingelt mein Telefon: Treffpunkt hat sich geändert, wir sollen nun alle vor das Hotel Kaliningrad kommen – was gar nicht so einfach ist: Unser Navi lotst uns zielsicher auf dem Weg da hin in so gut wie jede Sackgasse ohne Wendemöglichkeit, die es in Kaliningrad wohl gibt. Unser Fahrer stößt leise Flüche hinterm Steuer aus.

10.45 Uhr: Wir haben auf unserer Odyssee andere Friedensfahrer getroffen und folgen ihnen. Kurz darauf erreichen wir ein großes Denkmal zum Andenken an die Opfer des Ersten und des Zweiten Weltkrieges, vor dem bereits etwa 100 „Druschba“-Touristen mit Fähnchen in den Händen stehen. Vor dem Denkmal liegt ein Kranz, den kurz zuvor Angehörige von französischen Veteranen des Ersten Weltkriegs abgelegt haben. Ein russischer Militäroffizier spricht zu uns und den rund 50 Kaliningrader Bürgern, die sich dem Anlass entsprechend festlich dezent in Schale geworfen haben. Er zitiert aus einer Rede Wladimir Putins, während eine Dolmetscherin übersetzt: „Die russischen und die deutschen Soldaten sind noch in hundert Jahren des Andenkens würdig.“ Zustimmendes Kopfnicken bei meinen Friedensfreunden. „Sie müssen wissen, auf dem gesamten Gebiet Kaliningrads haben wir keinen Platz mehr übrig, um noch Denkmäler oder Mahnmale nach einem Dritten Weltkrieg zu errichten“, mahnt der Offizier zum Frieden.

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Gruppenfoto mit deutschen und russischen Friedensaktivisten vom Kriegsdenkmal in Kaliningrad

11:05 Uhr: Nachdem weitere Ansprachen gehalten wurden, werden wir zum Gruppenfoto gebeten. Das russische Staatsfernsehen ist da und filmt, auch fünf Polizisten knipsen mit ihren Handys. Auch ein paar Biker von den „Nachtwölfen“ sind unter uns, darunter der Ober-Nachtwolf von Kaliningrad. 11:12 Uhr: Wir überqueren die Straße und besuchen ein weiteres Kriegsdenkmal, einen Obelisken, neben dem in einer großen Metallschale ein Feuer des Gedenkens lodert. Der Berliner Friedensaktivist Carsten Halffter entfaltet ein mehrere Meter langes „Druschba“-Banner und ruft uns allen zu: „Nie wieder Krieg! Nie wieder Faschismus!“

11.22 Uhr: Professor Rainer Rothfuß hält eine ergreifende Rede:

„Wir müssen jetzt und hier Aufstehen, damit es nie wieder so ein Leid gibt, und damit nie wieder Kinder, Mütter und Väter und Alle Tränen vergießen müssen! Wir fühlen auch als ganz normale Menschen, dass wir als Bürger unbegrenzte Macht haben, und wir können ein Friedenssignal setzen, das die Welt verändern kann!“

11.45 Uhr: Während der Professor noch spricht, bricht eine anwesende Russin in bittere Tränen aus.

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Rainer Rothfuß (v.li.) und Owe Schattauer gedachten auf Knien der Weltkriegsopfer

Rainer Rothfuß fährt fort: „Wir als Deutsche, Österreicher und Schweizer – auch Amerikaner und Israelis haben wir dabei – wir wollen einfach Frieden und Freundschaft mit Russland. Wir wollen jetzt vorher sagen: ‚Wir stoppen den Krieg, wir setzen Völkerfreundschaft und Verständigung gegen Krieg.‘ Fünfzig Jahre waren wir durch den Eisernen Vorhang getrennt und konnten nicht über unser Leid sprechen, das beide Seiten erlitten haben. Und heute erscheint uns dieses schon wieder so weit weg, dass Medien uns wieder erzählen können, die Russen seien unser Feind. Wir sind hier, um jegliche Kriege in Zukunft zu verhindern.“

12.02 Uhr: Owe Schattauer spricht als Deutscher zu den Kaliningrader Bürgern – und bricht dabei selbst in Tränen aus:

„Sie empfangen uns voller Freude, voller Herzlichkeit, Sie feiern mit uns, obwohl wir Ihnen so viel Leid angetan haben. Ich spüre förmlich den Schmerz, der überall in dieser Blut getränkten Erde ist. Und möchte um Verzeihung bitten, was wir dem russischen Volk angetan haben. Und ich schwöre, dass ich bis zum letzten Tag Alles dafür gebe, dass es nie wieder Krieg auf dieser Welt gibt.“

12.14 Uhr: Ein Querflötenmusiker spielt die Nationalhymnen Deutschlands und Russlands. Deren Bürger singen jeweils leise mit. Wenige Minuten später, kurz nach

12.25 Uhr beginnen die Menschen, jeweils in Vierergruppen weiße und rote Rosen am Denkmal niederzulegen. Viele weinen dabei still vor sich hin. In diesem Moment bin ich sicher, nicht der Einzige zu sein, der diese ergreifenden Momente mit einer Gänsehaut erlebt. Ein russischer Akkordeonspieler verstärkt diese unvergesslichen Augenblicke auch noch, indem er klagende Weisen spielt. Wie traurig ich in diesem Moment bin! Und doch empfinde ich es auf eine schwer erklärbare Weise auch als schön zugleich, dass wir Deutschen und diese russischen Menschen, hier in Freundschaft miteinander verbunden, diese emotionalen Momente in Eintracht miteinander teilen dürfen, nachdem so viele unserer gemeinsamen Vorfahren in Kriegen gegeneinander ihre Leben verlieren mussten.

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Mit umgerechnet 200 Euro mit neun Tage in Russland ist unser Reporter angesichts niedriger Preise nicht schlecht ausgestattet.

12.30 Uhr: Bevor auch mich die Tränen übermannen, finde ich (gerade noch rechtzeitig) in die naturgegebenen Arbeitsabläufe eines Reporters zurück: Für die folgenden Tage muss ich mich unbedingt mit Kommunikationsmitteln eindecken, Sim-Karten, um Verbindung zur Redaktion halten zu können. Außerdem benötige ich Bargeld. Mit meinen Freunden verlasse ich diskret die Gedenkveranstaltung. Wir gehen in die Stadt. Außer den prächtigen Denkmälern hat Kaliningrad leider nicht viel an Wohnqualität zu bieten. Die meisten Einwohner leben offenbar in stark herunter gekommen aussehenden Plattenbausiedlungen. Viele Autos sind auf den breiten Straßen unterwegs, Fußgänger sehe ich jedoch kaum auf den Gehwegen.

13.24 Uhr: Für 400 Rubel, umgerechnet gerade mal fünf Euro siebzig, habe ich eine Sim-Karte erstanden, die mir einen Monat lang, bei unbegrenztem Datenvolumen!, in LTE-Geschwindigkeit!, beinahe auch unbegrenztes Telefonieren ermöglicht. Meine Begeisterung findet kurz darauf jedoch ein jähes Ende – aus welchen Gründen immer, akzeptiert mein brandneues Smartphone die russische Sim-Karte nicht.

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Das Öko-Herz jubelt am Obststand im russischen Lebensmittelmarkt: Dank eines Beschlusses der russischen Regierung ist hier alles Glyphosat-frei.

14.10 Uhr: Im Supermarkt neben dem Handyladen kaufen wir Proviant – und sind begeistert: Bier, Gebäck und Obst sind allesamt zu 100 Prozent Glyphosat-frei.

14.45 Uhr machen wir uns allein auf den Weg nach Schaulen in Litauen: Offenbar haben auch die meisten anderen Friedensfahrer bereits Kaliningrad wieder verlassen. Vielleicht sind sie aber auch noch zu einem Konzert nach Gwardiesk gefahren. An diesem, entscheiden wir, wollen wir nicht teilnehmen – es regnet in Strömen. Diese Entscheidung wird sich Stunden später für uns als großer Glücksfall erweisen.

15.20 Uhr: Ein Tankstellenmitarbeiter auf dem Weg zur litauischen Grenze zeigt sich sehr erfreut, dass er uns seine in der Schule erlernten Deutschkenntnisse demonstrieren kann. Zurück im Auto sind wir uns schnell einig, dass wir ihn kaum verstanden haben. Eine Müdigkeit überfällt mich, an der auch der gekaufte Kaffee nichts ändert. Bei den Klängen von „Stayin‘ alive“ von den BeeGees schlafe ich ein.

16.18 Uhr: In einem kleinen Dorf halten wir an einem weiteren Kriegsdenkmal, an dem groß die Jahreszahl „1945“ steht. Im örtlichen Lebensmittelgeschäft decken wir uns mit weiterem, russischen Gebäck ein. Die Vorgärten der Häuser hier sehen nicht besonders penibel gepflegt aus – sie vermitteln eher den Eindruck von Permakultur.

17.18 Uhr: Wir treffen an der Grenze zu Litauen ein. Das Grenzgebäude sieht für mich genau so aus, wie ich mir ein herunter gekommenes, weißrussisches Gefängnis von außen vorstelle – allerdings ist dieses mit NATO-Stacheldraht ausgestattet, außerdem sind hier auffallend viele Grenzpolizisten, die uns erwartungsvoll heran winken, in ihren sowjetisch anmutenden Uniformen. Ich komme mir vor, wie James Bond, in einem seiner Filme aus der Zeit des Kalten Krieges – allerdings wegen der danach folgenden, litauischen Beamten. Was diese nicht wissen: In Litauen wollen wir morgen vormittag eine Demo am NATO-Stützpunkt der so genannten „Speerspitze“ gegen Russland abhalten. Die Behörden dürften darüber wenig begeistert sein.

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Schlange stehen bis tief in die Nacht: Die litauischen Grenzbeamten ließen sich für unsere „Druschba“-Aktivisten eine perfide Schikane einfallen – die meisten von ihnen kamen nicht mehr rechtzeitig in den Nachtquartieren an.

18.17 Uhr: Bei der Grenzkontrolle auf der litauischen Seite werden unsere Reisepässe einer extragenauen Prüfung unterzogen. Jedes der Fahrzeuge unseres Friedenskonvois wird von den Beamten fotografiert. Wir warten mindestens eine halbe Stunde, bis wir unsere Pässe zurück erhalten – und sind erleichtert: Über den Gruppenchat erfahren wir, dass wir der zweite Wagen des gesamten Konvois sind, der die Grenze passiert. Hinter uns stehen den Trucks und Wohnmobilen der Friedensfreunde aufregende Stunden bevor. Uns dagegen erwartet eine lange Landstraße durch Litauen. Erst um

22.06 Uhr treffen wir am „Simona Guest House“ in Schaulen ein. Unser Zimmer in diesem Hostel ist zwar sehr gemütlich, allerdings lässt die Internetverbindung stark zu wünschen übrig.

Erst hier erfahren wir: Die litauische Grenzpolizei lässt sich besonders viel Zeit bei der Grenzkontrolle unserer vielen Friedensfreunde, die jetzt noch immer auf der russischen Seite auf die Einreise warten. Grund der offensichtlich schikanös-gründlichen Kontrollen ist, wie ich erfahre, unser für den 10. August um 9 Uhr geplantes Treffen vor dem NATO-Stützpunkt in Schaulen – die Beamten bemängeln unseren Friedensfreunden an der Grenze gegenüber, dass vor Ort keine Demo angemeldet worden sei. „Fünf Stunden lang haben wir in der Schlange gestanden“, klagt mir „Druschba“-Teilnehmer Wolfram (Name geändert) hinterher sein Leid. Für einige Friedensfahrer dürfte die lange Nacht an der Grenze wohl ziemliches Ungemach bedeutet haben: Die Rezeptionen von Campingplätzen und Gästehäusern sind nicht rund um die Uhr besetzt. Im Unklaren darüber, wie meine Tourkollegen die Nacht verbringen werden, gehe ich ins Bett.

Morgen erwartet unseren Reporter unter anderem die immer noch angedachte Kurzdemo vor dem besagten NATO-Stützpunkt. Seien wir gespannt, wie die litauischen Behörden darauf reagieren werden. Wir berichten.

Videobericht von eingeschenkt.tv

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