Jetzt Spenden oder Premium Abonnent werden!

TAG 7: St. Petersburg, Stadt der 2.300 Prunkbauten: „Druschba“ leistet Beitrag zu Bekämpfung der Armut

14. August 2016
Share on FacebookShare on VKShare on Google+Tweet about this on TwitterShare on LinkedIn
                

SANKT PETERSBURG – Nach Kriegsgedenken und großen Gesten der Friedensfahrer standen heute Besuche bei einem sozialen Projekt an – hier lernte NuoViso-Reporter Daniel Seidel die rauen Seiten Russlands kennen. Denn in Sankt Petersburg, deren 2.300 Paläste, Prunkbauten und Schlösser zum UNESCO-Weltkulturerbe gehören, gibt es auch echte Armut. Lesen Sie hier, wie ein deutscher Hilfsorden russische Rentner zu Freunden der Deutschen macht.

10 Uhr: Nach einem schönen Spaziergang am Vorabend in der Stadt, der doch etwas länger dauerte, wache ich nach acht Stunden gut erholt auf. Mit leichter Verspätung fahren wir zur Metro-Haltestelle – alles sieht hier noch sehr „sowjetisch“ aus. Ich staune: Die Rolltreppe, die ins Dunkle hinab führt, ist alleine locker 100 Meter lang. Der Ticketkauf gestaltet sich schwierig – mit Händen und Füßen gelingt es uns, drei Tickets zu kaufen. In der Suppenküche des katholischen Hilfsordens der Malteser kommen wir dennoch mit nur 20 Minuten Verspätung an.

Küchenchefin Irina Timkowa spricht zu FFDeren Geschäftsführerin Irina Timkowa, eine Russin, erklärt uns in fließendem Deutsch: „Hier kommen keine Obdachlosen her, für sie gibt es spezielle Essensausgaben. Die Lebensmittel kaufen wir hier ein. Als wir 1992 die Armenspeisung zusammen mit der Stadtverwaltung eröffneten, herrschte vielerorts Hunger. Bis 1996 wurde das Essen noch täglich aus Deutschland geliefert, seitdem wird hier vor Ort eingekauft.“ Lena verteilt wöchtenlich hunderte Essensgutscheine an die verschiedenen Kirchen (auch anderer Konfessionen) in der Stadt, 170 Scheine erhält allein das städtische Sozialamt zum Verteilen. 1992 erhielten die Leute ihre Renten teilweise noch in Lebensmittelmarken. Bis heute gehören die Räumlichkeiten der Stadt. Wir zahlen keinen Pfennig für Wasser, Strom und Heizung. Die Malteser bezahlen die Lebensmittel und das Personal. Dieses Geld sammeln sie in Würzburg ein.“

Im selben Haus befindet sich ein Frauenhaus, ein Mutter-Kind-Projekt, das von der Stadt mit 2 Mio. Rubel unterstützt wird.

12 Uhr. In der Suppenküche warten einige ältere Damen und Herren, arme Rentner überwiegend. Heute gibt es eine Art Hühnerfrikassee mit Reis – ich finde, es sieht sehr lecker aus.

Rena Nauyalene (KZ-Opfer)Die 79-jährige Rena Nauyalene ist hier Stammgast seit dem Tag der Eröffnung. Die Frau hat viel Leid durch den Zweiten Weltkrieg erlebt. Als Tochter einer vertriebenen polnischen Familie kam sie in Weißrussland zu Welt, die Familie wurde ins Fuldaer KZ geschickt – keiner überlebte, sie kam mit dem Leben davon. Im ständig kalten Konzentrationslager gab es nur einmal am Tag Essen. An den Eröffnungstag der Armenküche erinnert sie sich genau: „Ein deutscher Pfarrer aus Lauchhammer in der Lausitz gab hier die ersten Suppen aus. Wir haben alle herzlich über seinen deutschen Akzent gelacht. “ Als Kind habe sie in der Schule selbst deutsch gelernt. Trotzdem ihr die Deutschen so viel Leid angetan haben, ist sie den Deutschen sehr dankbar, seit inzwischen 24 Jahren.

Als Jugendlicher habe ich selbst Gelder für gute Zwecke gesammelt, und zwar für die Malteser. Damals wusste ich nicht, wo diese Mittel hin fließen – jetzt weiß ich Bescheid.

Die Leute stehen Schlange, um uns ihre Geschichten zu erzählen.

Nina AchmedowaRentnerin Nina Achmedowa erzählt mir: „Als kranker Mensch bin ich froh darüber, wie fürsorglich man hier mit mir umgeht. Das richtet mich jeden Tag aufs Neue ein wenig auf. Für die Spenden der Deutschen bin ich sehr dankbar. Hier wird großartige Arbeit geleistet. Ich bin seit vielen Jahren sehr krank. Diese Suppenküche ist die einzige Unterstützung, die ich im Alltag erlebe. Nach dem Essen bleibe ich immer noch ein wenig sitzen, um auszuruhen. Wir unterhalten uns immer, bevor ich mit meinem Gehstock wieder los marschiere. Leider gibt es nur sehr wenige Einrichtungen wie diese in Russland. Dabei gibt es Viele, die in einer ähnlichen Situation sind wie ich. Überhaupt das Thema Armenspeisung ist schwierig. Dies ist die einzige solche große Küche in der Stadt. Die Behörden überlegen auch immer wieder aufs Neue, ob sie denn noch notwendig sei, schließlich zahle man doch Renten, vielleicht hätten wir die kostenlosen Mittagessen gar nicht nötig. Herzukommen bedeutet aber auch ein wenig Überwindung. Man weiß, dass man arm ist, wenn man hier her kommen muss. Das demoralisiert schon.“

Alexander Romanov (79)Alexander Romanov (79) erzählt: „Als die Küche eröffnet wurde, herrschte viel Chaos in Russland. Aber satt geworden bin ich hier immer. Damals war das Essen noch viel wichtiger als heutzutage. Jahrzehnte sind inzwischen vergangen, in denen die Einrichtung auch ästhetisch verbessert wurde. Inzwischen gibt es auch regelmäßig Veranstaltungen. Das Personal geht sehr herzlich mit uns um.“ Sechs Leute von den Maltesern arbeiten hier, zwei Frauen kochen, zwei teilen das Essen aus, ein Mann schleppt die schweren Essenscontainer, Chefin Lena handelt die Preise mit den Lebensmittel-Großhändlern aus.

Professor Rainer Rothfuß trifft mit anderen Friedensfahrern ein. Irina informiert sie mit einen Zahlen, Daten und Fakten. Nicht nur arme Rentner kämen hier her. „Auch Leute mit höheren Renten kommen hier her, oft sind es alleinstehende ältere Männer, die nicht selbst für sich kochen können, sei es, weil die Hände zittern, oder einfach aus Vergesslichkeit.“

In St. Petersburg, Europas viertgrößter Stadt, gibt es immer noch viel Armut: Im vergangenen Jahr, sagt Irina, hätten in St. Petersburg immer noch 300.000 Menschen in „Kommunalkas“ gelebt – ungefähr sechs Prozent der etwa 5 Millionen Einwohner. „Kommunalkas“, das sind große Altbauwohnungen ehemals reicher Bürger, in die man im Krieg jeweils mehrere Familien einquartiert hatte. Diese Form von Gemeinschaftsunterkünften gibt es heute immer noch.

Irina fährt mit ihrer Rede fort: „Wir kochen täglich immer nur ein Gericht. Sie sehen, wir haben nicht viel Platz in der Küche. Was wir kochen, ist meistens ein Eintopf mit Wurst, mit einem Brötchen, und als Nachtisch gibt es Gebäck. Das Essen kostet nur 87 Rubel, ungefähr 1,15 Euro. Lena, die Chefin, schafft es gottlob, preiswert einzukaufen“, aber sie erhielten auch viele Essensspenden nach dem Schema der Tafeln in Deutschland. „Am kommenden Montag kriegen wir zum Beispiel 640 Dosen mit Gemüsekonserven.“

Dass ausgerechnet Deutsche ihnen das Essen sponserten, sei am Anfang mit Argwohn von der Bevölkerung aufgenommen worden. Aber in den 25 Jahren seien die Leute viel aufgeschlossener geworden, erklärt Irina. Die Menschen seien sehr dankbar.

Ich bin neugierig: „Wie machen sich die EU-Sanktionen hier bei Ihnen bemerkbar?“ – „Wir merken es vor allem in der Küche“, antwortet Irina. „Die Qualität der Waren hat sehr abgenommen. Selbst die der einheimischen Produkte. Die russischen Produzenten nutzen gnadenlos aus, dass sie jetzt keine Konkurrenz aus der EU mehr haben. Da steigen die Preise, und die Qualität sinkt. Auch beim Haushalten merke ich das. Milch, Käse, Wurst: Alles ist teurer geworden, und schlechter.“ Wie sich die Sanktionen bei der Kundschaft der Armenküche bemerkbar mache? „Es kommen auch mehr Leute zu uns, als vor den Sanktionen. Die Leute müssen ohnehin viel Geld für Medikamente und Arztbesuche ausgeben – bis zu 2.000 Rubel, ein Viertel ihrer Rente. So bleibt immer weniger Geld für Lebensmittel. Ende 2014 kamen schon Menschen zu uns, die richtig in Panik waren, sich nicht mehr ernähren zu können. Wir können aber nur 250 Mahlzeiten pro Tag aus geben. Für mehr reicht unser Geld nicht.“ Dabei würden die Sanktionen nicht das Geringste an der Politik innerhalb Russlands ändern. Moskau habe zwar ein Wachstum der russischen Wirtschaft durch die Sanktionen vorher gesagt. Doch kleine Firmen und Unternehmen im Land könnten dennoch nicht wachsen, weil sie von einer Vielzahl von Steuern und Bürokratiehürden daran gehindert würden.

Rothfuss überreicht 2000 EuroRainer Rothfuß überreicht Lena, der Küchenchefin, eine Geldspende von 2.000 Euro in bar.

Auf einem total verstimmten Klavier spiele ich zum Abschied und zur Begeisterung der russischen Gäste das russische Lied „Das Krokodil Gena“.

Ich stelle nüchtern fest: Auch in Russland gibt es Unzufriedenheit mit der Regierung – doch in welchem Land gibt es das nicht?

Diskussion mit Professor Starikov17 Uhr: Mit der Metro fahren wir zurück. Nächster Tagesordnungspunkt: Diskussion und Benefizkonzert im Theater „Burevestnik“, das in einem Soziokulturellen Zentrumsgebäude untergebracht ist. Hier steht ein Vortrag des bekannten Geopolitik-Analysten Professor Nikolai Wiktorowitsch Starikow an, Gründer der Allrussischen politischen Partei „Großes Vaterland“, die nationalistische, traditionalistische Ansichten vertritt und der seine politischen Grundansichten selbst als patriotisch-konservativ bezeichnet. So patriotisch, dass einige seiner Bücher im vergangenen Jahr in der Ukraine sogar verboten worden sind. Heute spricht er jedoch über die Türkei.

In den letzten Jahren hat die Türkei eine Art Blankoscheck von den USA ausgestellt bekommen, zur Zerstörung von Gegenden und Ländern in seiner Nachbarschaft, sagt der Professor. Ohne die Unterstützung durch die Türkei sei es nicht denkbar, dass der Islamische Staat immer mit den neusten amerikanischen Waffen und modernen Fahrzeugen ausgestattet sei. Die Amerikaner würden verschiedene Seiten in der Konfliktregion unterstützen, um Konfusion und Aggressionspotential in der Region zu schüren, findet Starikow. Es sei kein Wunder, dass Erdogan sich nach dem gescheiterten Militärputsch in Richtung Russland orientiere – denn alle Zeichen deuteten darauf hin, dass die USA hinter dem Putsch steckten. Mir leuchtet das ein, immerhin waren es laut türkischen Staatsmedien die Russen gewesen, die Erdogan vor dem bevorstehenden Putsch gewarnt hatten.

20 Uhr. Das Konzert beginnt im rund 400 Plätze großen Kino- und Konzertsaal. Leider ist er nur zu einem guten Drittel gefüllt. Es sind nur wenige Russen anwesend, nicht wenige Friedensfahrer schauen sich lieber die Stadt an oder legen sich für die lange morgige Fahrt früh ins Bett. Sängerin Larissa Lusta eröffnet als erste Musikerin den Abend und trällert mit tiefster Inbrunst „Those were the days“, einem Lied mit regionalem, historischen Hintergrund: 1968 erstmals von Mary Hopkin veröffentlicht, basiert es auf dem russischen Volkslied „Дорогой длинною“ (deutsch: „Entlang der langen Straße“) – und wurde passenderweise 1991 von den „Leningrad Cowboys“ gecovert.

Andreas Petrick ist einer der wenigen Friedensfahrer, die auch auf den den Konzerten musizieren. Er singt mit Leidenschaft „Rossija“ und „Meinst du die Russen wollen Krieg“. Mit den Worten: „Auf dass wir immer Freunde bleiben und nie wieder ein Krieg zwischen uns ausbricht!“ beendet er seinen Vortrag.

Ein traditionell gekleidetes Frauenquintett von der deutsch-russischen Begegnungsstätte an der Peterskirche singt nun mit Akkordeonbegleitung Lieder auf Deutsch und Russisch wie „Die Gedanken sind frei“.

Blutskirche (bitte am Ende bei Sehenswürdigkeiten einbauen)Jetzt wird Rock und Rock und Jazz gespielt. Zusammen mit einigen anderen jungen Friedensfahrern beschließe ich, den Abend in der Stadt ausklingen zu lassen. Wir wollen etwas trinken und essen, hoffen, dabei einen Blick auf die Sehenswürdigkeiten zu erhaschen – wie die Auferstehungskirche (Foto links). Erst im August 1997 wurde die 27 Jahre andauernde Renovierung abgeschlossen und das 104 Jahre alte Gebäude unter großer Anteilnahme der Bevölkerung als Museum wiedereröffnet. Doch nicht mit russischer Gastronomie endet mein langer Arbeitstag, sondern amerikanisch: Gemeinsam mit den befreundeten Kollegen von Eingeschenkt.tv, Max Bachmann und Thomas Schenk, landen Martin und ich in einem Burger-Restaurant…

Morgen erwartet unseren Reporter Daniel Seidel eine sehr lange Fahrt ins 550 Kilometer entfernte Twer – die letzte Station vor der lang ersehnten Ankunft in Moskau. Wir berichten.

Slider