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TAG 5: Juli versüßt den August – Mission „Druschba“ erfolgreich

12. August 2016
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route5TAG 5 / PSKOW – Während sich die Sicherheitslage nach dem ukrainischen Anschlagsversuch auf der Krim (NuoViso berichtete) für Russland weiter zuspitzt, nutzte unser Reporter Daniel Seidel den heutigen Tag dazu, Land und Leute im russischen Pskow kennen zu lernen.

Hier kommt Daniel Seidels Bericht:

10.15 Uhr: Wieder waren es nur sechs Stunden Schlaf. Nach all den Strapazen der vergangenen Tage träumte ich von einer heißen Dusche und einer wohlig-reizenden Bekanntschaft in diesem inspirierenden Land. Die Realität holt mich jedoch schnell ein: Schon wieder gibt es in unserer Unterkunft kein warmes Wasser in der Dusche! Auch meine Freunde sind darüber alles andere als begeistert. Mithilfe eines Wasserkochers und eines Eimers sorgen wir dafür, dass wir wenigstens lauwarm duschen können – aus einer Schöpfkelle, die wir in der Küche finden.

dtzuDoch zurück in die Lobby des Hotels. Dort treffen wir einen Teil unserer verschlafenen Fahrtgefährten und erfahren, dass sie zum Teil bis zu 7 Stunden an der Grenze ausharren mussten. Die Besprechung, die ursprünglich für 9 Uhr angesetzt war, wird nur von einem Bruchteil der Menge wahrgenommen. Der überwiegende Teil liegt wohl immer noch in den Betten.

11.43 Uhr: Wir beschließen in die Innenstadt zu fahren, um uns mit authentischen Sinneseindrücken Russlands abzulenken. Pskow besitzt jedoch nicht wirklich einen traditionellen Stadtkern mit breiten Fußgängerzonen, Sehenswürdigkeiten, Einkaufs- und Vergnügungsmöglichkeiten, wie wir sie von deutschen Städten kennen. Die russische Großstadt ist dezentral aufgebaut. In der Nähe einer Hauptstraße, wo es einigermaßen belebt aussieht, steigen ich und meine drei Gefährten aus und verteilen, wie eigentlich auch im Friedensfahrt-Plan angedacht, Flyer mit unseren Friedensbotschaften an die Bevölkerung. „We come in peace!“, rufe ich – doch nur sehr wenige Passanten kommen vorbei – die Stadt plagt immer noch ein übler Dauerregen. Vier Tage zuvor gab es in Pskow sogar eine kleine Sintflut, kniehoch stand das Wasser. Das Abflusssystem über Gullis und Ablaufgitter, die kaum vorhanden sind, ist mangelhaft. Trotz luftiger Sommerschuhe komme ich trotzdem trockenen Fußes davon.

12.50 Uhr: Nach dem unsere friedensstiftende Tat vollbracht ist, suchen wir durchnässt nach einem Ort, wo es Wärme und Nahrung gibt – ich bin begeistert: Die nächstgelegene gastronomische Location ist ein edles, aber sehr preiswertes Sushi-Restaurant! Auf dem Weg zurück zum Auto sehen wir ein Friedensfahrt-Fahrzeug mit Warnblinklicht an einer Ampel stehen. Offenbar eine Panne. Wir gehen hin um Hilfe anzubieten, müssen aber erfahren: Bei den Österreichern aus Linz ist die Kupplung kaputt gegangen. Und eine Reparatur kann hierzulande schnell mal bis zu einer Woche dauern. Bis dahin sind sie gezwungen in Pskov zu bleiben. Ob die Friedensfahrer uns vielleicht doch noch zeitig wieder bis Moskau einholen können? Wir hoffen es – und wünschen ihnen viel Glück.

14.00 Uhr: Zurück im Hotel Rijskaya gibt es um 14.00 Uhr die nächste Durchsage: Mehrere Dutzend Friedensfahrer haben sich dazu entschlossen, um 15.00 Uhr in das Dorf Utorgosh zu fahren, das zwischen Pskow und Sankt Petersburg liegt. Dort erwartet sie ein Biobauernhof, dessen Ernte sie reichhaltig verkosten dürfen – auf einem eigens für sie anberaumten Dorffest, das auf Initiative eines „Druschba“-Teilnehmers stattfindet. Die Dorfbewohner freuen sich sehr über den internationalen Besuch. Leider trübt auch hier das Regenwetter die Stimmung, wie ich auf den Fotos sehe. Morgen erfahre ich sicher mehr, denn ich bin nicht dabei.

Unser guter Bekannter Mark Bartalmai, Autor der NuoViso-Filmproduktion „Ukrainian Agony“, hat uns inzwischen einen gut gemeinten Rat gegeben: „Berichtet nicht nur über eure Nächte, euer Essen, eure Begrüßungsfeiern und offizielle Anlässe, eure vermeintlichen Sorgen und Dramen. Berichtet mehr von den Ländern und vor allem den Menschen. Sprecht mit ihnen und nehmt euch Zeit. Zeigt den Leuten hier in Deutschland, wie es da ist, wie die Leute sind, wie sie leben. Und zeigt den Leuten dort, dass es um sie geht und nicht um euch. Bleibt etwas mehr hinter der Kamera. Zeigt nicht euch – zeigt sie! Dafür müsst ihr anhalten, aussteigen und etwas bleiben.“ Diesem Rat leisten wir Folge. Bereuen wird es an diesem Tag niemand von uns Dreien.

sgfjxcgjgxUm 15.00 Uhr bin ich mit einer reizenden, jungen Lehramtsstudentin verabredet, aus dem 30 Kilometer entfernten Ort Isborsk. Kennengelernt habe ich sie auf der Internet-Plattform „Couchsurfing“, die reisende Menschen unterschiedlicher Regionen der Welt zum interkulturellen Austausch zusammenbringt. Juli, so der Name der überaus symphatischen 20-Jährigen, bittet uns zur individuellen Stadtrundfahrt – und wir lassen uns nicht lang bitten: Wir besichtigen zunächst die „Kreml“ genannte mittelalterliche Festung in Pskow, auf der eine imposante Dreifaltigkeitskathedrale steht. Ihr weißes Gemäuer und die hochragenden goldenen Türme sind uns schon zuvor beim Vorbeifahren aufgefallen.

15.30 Uhr: Mit ihren guten Englischkenntnissen erklärt Juli: Pskow wurde nicht nur durch das eine Gemäuer geschützt, in dem wir uns gerade befinden. Insgesamt waren es ganze fünf Mauern, die weitläufig um die Stadt herum errichtet waren. Von zweien ist nichts mehr übrig, von den anderen zwei Stadtmauern findet man in der Stadt vereinzelt nur noch Reste. Manchmal stockt sie ein wenig mit ihrem Englisch, aber das macht sie mir umso sympathischer! In der Festung trinken wir in einem kleinen Stübchen einen traditionellen Tee und essen eine Art Lebkuchen, die mich mit ihrem Zimtgeschmack leicht in eine Art vorweihnachtliche Stimmung versetzen. Auf dem Weg zu Julis Auto spazieren wir entlang der Promenade zweier Flüsse, die sich auf der anderen Seite des Ufers durch die Festung aufteilen. Es regnet es nicht mehr.

16.45 Uhr: Juli möchte uns ihr Heimatdorf Isborsk zeigen. Kurz und knapp erzählt sie uns von der Legende, dass einer der drei Gründer Russlands in diesem Ort gelebt haben soll – wenn ich das richtig verstanden habe. Schon beim Hineinfahren ins Dorf entzückt uns das traditionelle und russisch-ländliche Ambiente mit seinen hübsch gepflegten Häuschen und ihren saftige Früchte tragenden Gärtchen. Auf dem Dorfplatz streichen und renovieren die Ortsansässigen gerade die hölzerne Dorfkapelle. Juli scheint wohl großes Interesse an Festungen zu haben und führt uns gleich zu jener von Isborsk, die vielleicht noch größer ist als die von Pskow. Das über 1000 Jahre alter Gemäuer ist für sein Alter noch sehr gut erhalten.

17.40 Uhr: Für 100 Rubel pro Nase, zwanzig Minuten vor der Schließung des Museums, besichtigen wir das weitläufige Burginnere, wo Juli uns den im Keller des Gemäuers vor feindlichen Übergriffen versteckten Dorfbrunnen zeigt. Dann geht es noch auf einen Turm, über hölzerne Treppen auf die Burg hinauf, wo wir einen fantastischen Ausblick auf die hügelige und mit einem See, Sümpfen und Bächen sowie vereinzelten Häusern bestückte Landschaft genießen. Die vielfältige Vegetation erstrahlt hin und wieder im herrlichen Sonnenlicht, wenn die Sonne sich gelegentlich heraustraut. René verteilt fleißig russischsprachige „Druschba“-Flyer, die über unser Projekt informieren. Hoffen wir mal, dass das ein guter Beitrag zur Festigung der Völkerfreundschaft ist. Die eine oder andere Person lächelt nach dem Durchlesen des Zettel auch ihn mal an. Eine Frau versucht mit großer Mühe in einem Satz zu erklären, dass der in der Landschaft sich befindliche hübsche Brunnen Wasser enthält, das Augenkrankheiten heilen könne. Eine recht herzliche Begegnung.

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18.04 Uhr: Abendessen. Unsere Fremdenführerin hilft uns im komplett aus Holz erbauten Dorflokal, traditionell russisches Essen zu bestellen: Es gibt Piroggen, Soljanka, eine kalte Suppe, die Gazpacho ähnelt, Bulgur, Maultaschen und Pfannkuchen mit Marmelade, Sauerrahm und Kaviar. Manches finde ich sehr schmackhaft, anderes für meinen Gaumen ein wenig gewöhnungsbedürftig.

Ein Russe der im Lokal zufällig speist und einen Flyer von uns bekommen hat, kommt auf uns zu und fängt mit uns an in seinem sehr guten Deutsch zu diskutieren. Die Deutschkenntnisse zeugen davon, dass er ein paar Jahre in Deutschland gelebt hat. Er sagt skeptisch, dass das zwar gut gemeint sei, die Fahrt, aber den Menschen hier damit nicht geholfen sei. Wichtiger finde er es, bedürftige Menschen in Russland mit Sach- und Geldspenden zu unterstützen. Aus dem Flyer ging nicht ganz hervor, dass auch dies auf unserem Plan steht. Wir erklären ihm, dass es außerdem nach zwei Weltkriegen mit Millionen von Toten zwischen Deutschland und Russland wichtig sei, einen weiteren Weltkrieg zu verhindern, der aufgrund der aktuellen politischen Lage droht. Dass die Russen und die Deutschen bei einem weiteren Krieg, der von der Politik gefördert und befehligt wird, nicht mitmachen sollen. Der Mann pflichtet uns schließlich bei: Anscheinend hatte er geglaubt, die Fahrt wäre nur eine spaßige und halbherzige Rundreise gelangweilter Deutscher, ohne ernsten Hintergrund. Wir sind inzwischen Freunde, als wir uns voneinander trennen.

tsxfru19.00 Uhr: Zum Abschluss dieses rundum gelungenen Ruhetages spazieren wir mit Juli noch ein wenig herum. Wir inspizieren die Ruine einer in einer Anhöhe gebauten Wassermühle, von der in vielen kleinen Wasserfällen über Gestein glasklares kühles Nass hinunter plätschert. Mein Mitfahrer René kostet das Wasser und urteilt, dass es kostbar sei und sehr gesund sein müsse. Ich pflichte ihm bei: Dieses Wasser ist vollkommen anders als das, was wir Westeuropäer aus der Leitung kennen. Erst jetzt entdecke ich, dass die vorbei laufenden Spaziergänger kleine Kanister dabei haben, die sie mit diesem Wasser befüllen – und den Nachhauseweg antreten.

19.50 Uhr: Wir lassen die Natur der Umgebung noch ein wenig auf uns wirken. Kurz nach Sonnenuntergang treten wir die Heimfahrt nach Pskow an. An einem Verkaufsstand am Wegesrand probiere ich mehrere regionale Weinsorten durch. Leicht angeschwipst entscheiden wir uns für einen aromatischen Honigwein, der uns frisch vom Fass in eine Glasflasche abgefüllt wird. Im Auto sind wir alle drei uns einig, dass TAG 5 ab drei Uhr Nachmittags ein wirklich hervorragender Tag war. Wir sind sogar überzeugt, dass wir von allen Friedensfahrern den schönsten Tag gehabt haben muss, wenn wir bedenken, was wir alles Schönes gesehen und erlebt haben, welch wundervolle Menschen und Orte wir in dieser kurzen Zeit kennen lernen durften.

21.13 Uhr: Mit herzlichen Umarmungen und ein wenig Schokolade und Schnaps aus unserer Heimat verabschieden wir uns von Juli im Zentrum von Pskow. Ich möchte sie kaum loslassen. Auf jeden Fall steht bei uns das Angebot, dass sie ganz herzlich bei uns in Leipzig eingeladen ist, uns zu besuchen. Wir haben eine neue Freundin in Russland und Juli hat drei neue Freunde in Deutschland. Meine Bilanz zu TAG 5: Mission „Druschba“ ist – zumindest für heute – mehr als geglückt.

An TAG 6 geht es für unsere Friedensfahrt ins 300 Kilometer nördlich gelegene St. Petersburg. Wir berichten.


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