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TAG 4: Litauens neue „Druschba“-Freundlichkeit – und: Kiew ließ „Druschba“-Konzert platzen

11. August 2016
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route5PSKOV – Nachwirkungen der Grenzschikane in Litauen (NuoViso berichtete) wirbelten am TAG 4 der Friedensfahrt die Zeitpläne der „Druschba“-Touristen ordentlich durcheinander. Wohl ein kurzer Draht eines der Teilnehmer in höchste Regierungskreise machte den umständlichen litauischen Grenzbeamten schnell Beine – ein richtiger kleiner, diplomatischer Krimi! Dennoch mussten etliche Friedensfahrer die Nacht in ihren Autos verbringen. Ein großer Krimi auf der Krim sorgte für Schwierigkeiten bei der Wiedereinreise nach Russland – offenbar verzögerte ein Terrorakt der Ukraine auf der Krim den Friedenskonvoi bei der Grenzabfertigung.

 Tour-Initiator Dr. Rainer Rothfuß zeigte sich im Gespräch mit NuoViso sicher, dass die lange Wartezeit an der Grenze zu Litauen an TAG 3 eine Schikane war: „Orstansässige haben uns erzählt, dass der Grenzübertritt sonst nie so lange dauert.“ Bis zu sechs Stunden hatten Einige auf ihre Abfertigung bei der Wiedereinreise in die EU warten müssen.
Reporter-Kollegin Andrea Drescher berichtete auf dem befreundeten News-Portal „Free 21“: „Nachdem man die Brücke über den Fluß überquert hatte, kam man in den isolierten Grenzbereich. Mehr als  10 Fahrzeuge auf einmal, wurden nicht eingelassen – dann ging die Schranke runter.  Und dann stand man. Und stand. Und stand. Irgendwann kam ein deutschsprachiger Grenzbeamter und fragte mich, wann die Herren Schattauer und Rothfuss kämen, um Fragen zu beantworten.“ Sie habe versucht, ihre Fragen bestens zu beantworten, um dann den Professor am Telefon den Uniformierten weiter zu reichen. „Eines wurde aber deutlich„, schrieb Reporterin Drescher: „Die Herren hatten sich in unserem Google-Kalender sehr genau über unsere Fahrt informiert. Und gefreut haben die sich nicht über unseren Besuch.“

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Dr. Rainer Rothfuß koordiniert den nächsten Streckenabschnitt

Wurde gar auf diplomatischer Hochebene über den Einlass unserer Friedensfahrer verhandelt? Gut möglich, meint Rainer Rothfuß: „Ein Bekannter von uns, der wiederum den Präsidenten von Lettland persönlich kennt, rief diesen dann gegen 23 Uhr an. Vielleicht hat der seinen litauischen Amtskollegen kontaktiert. Jedenfalls ging es an der Grenze dann kurz nach Elf auf einmal ziemlich schnell.“ Und auch die Ansprache durch die zunächst mürrischen Litauen-Beamten kehrte sich wortwörtlich über Nacht (die der Professor im Auto überbrücken musste) ins freudestrahlende Gegenteil um: „Am Morgen wurden wir von der Polizei geweckt, die eine überaus charmante Übersetzerin dabei hatte. Sie bot uns völlig unerwartet Hilfe an, den NATO-Flugplatz zu erreichen. Ich konnte das kaum glauben, aber die haben uns dann wirklich mit Blaulicht und Sirene durch die ganze Stadt dorthin eskortiert. Da haben wir dann unsere Banner geschwenkt und alle laut im Chor ‚Ihr könnt nach hause fahr’n‘ gesungen.“ Das alles unter freundlichen Blicken der anwesenden Polizeibeamten – denen schenkten die „Druschba“-Organisatoren zum Dank eine der Tour-Fahnen. Sie solle im örtlichen Polizeimuseum ausgestellt werden, versprachen die Beamten.

Für unseren übernächtigten Reporter Daniel Seidel begann der Tag jedoch erst um

10.08 Uhr: Ich werde von meinen Zimmergenossen geweckt, die gerade in der Küche am Frühstücken sind. Gerädert vom kurzen Schlaf wache ich auf und mache mich fertig. Die Dusche fing warm an, schreckte mich nach kurzer Zeit jedoch mit Kälte ab. Warmwasser adé. JETZT bin ich wach.

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Tetris mit dem Gepäck

11.00 Uhr: Wir checken im Hostel aus und fahren verspätet nach Riga. Es sind 127km bis dorthin. Die einzige Frau in unserem Hostel, die noch Platz hatte, konnte den Fahrzeug-Nomaden Max von Eingeschenkt.tv nicht mitnehmen. Wir lassen ihn nicht allein, und stopfen ihn mit ins Auto. Das Gepäck im Kofferraum überdeckt teilweise die Heckscheibe, auf dem Platz in der Mitte auf der Rückbank stapelt sich das Gepäck. Auch auf meinem Vordersitz ist kaum noch Platz. Wir spielen Tetris mit unserem Gepäck.

11.18 Uhr: Wir haben einen Teil der Kolonne eingeholt.

11.34 Uhr: Die Kolonne macht Rast. Einige wollten sich an der traditionell aus Holz gebauten und gestalteten Raststellenhütte einen Kaffee holen. Das dauert mit 20 Minutem aber recht lange. Währenddessen erfahren wir aber den  Treffpunkt – die erste Gaststätte an der Schnellstraße in Riga. Wir fahren weiter, der Rest zieht langsam mit. Aber bald sind wir wieder recht allein. Die Umsetzung einer Fahrt in einer geschlossenen Kolonne, die sich in Gruppen aufteilt, ist schnell gescheitert. Jeder hat seine eigenen Zeiten, Geschwindigkeiten, Bedürfnisse. Treffpunkte und Zeiten kommen oft zu spät und nicht bei allen Fahrern an, oft wird man im laufenden Verkehr auseinandergerissen.

12.15 Uhr: Wir fahren in Lettland ein. Ein weiteres neues Land, das wir alle zum ersten mal bereisen. Hin und wieder sieht man mal ein Friedensfahrer-Auto das man freundlich behupt.

13.02 Uhr: Wir kommen in Riga an. Zuvor wurden einige Friedensfahrer von der Polizei kontrolliert, wie wir sehen konnten und über Whatsapp erfahren. Auch der Reisebus wurde aufgehalten. Allerdings dürfen sie nach kurzer Kontrolle weiterfahren.

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Lettischer Spezialitäten

13.16 Uhr: Wir kommen an einer Autobahnraststätte an und treffen ca. 40 Friedensfahrer (das heisst nur eine Minderheit nimmt daran teil). Rainer Rothfuss und weitere Friedensfahrer geben vor kritischen aber interessierten litauischen Journalisten eine Pressekonferenz auf dem Parkplatz. Zwei Sicherheitsleute der Raststätte bitten höflich aber bestimmt um Beendigung der Konferenz (offensichtlich war sie unangemeldet). Die letzten Worte werden beendet und der Anweisung wird Folge geleistet. Manche gehen ins grosse Raststätten SB Restaurant mit grosser Auswahl lettischer Spezialitäten

14.14 Uhr: Wir fahren weiter von Riga. Zwischenziel: Estland. Auf der Fahrt durch Riga erhaschen wir Eindrücke der lettischen Metropole aus dem Autofenster heraus. Wenn man schon mal in Lettland ist, dannn sollte man es auch möglichst auskosten. Ähnlich wie in Kaliningrad heruntergekommende Plattenbauten. Die Altstadt, die Ostsee, also die sehenswürdigere Seite von Riga können wir leider nicht sehen.

14.25 Uhr: Erstmals erlebe ich Hass gegen uns. Wir konzentrieren uns auf der stark befahrenen Stadtautobahn auf den richtigen und den lebendigen Verkehr. Die Letten fahren nicht immer ganz entspannt. Doch plötzlich kurz vor einem mehrspurigen Kreisel passiert es. Ein lettischer Spediteur zeigt uns den „Stinkefinger“. Wir wurden davon überrascht und aus der Konzentration des Verkehrs gerissen. Zunächst winken wir erst mal mit breitem Grinsen während er vorbeifährt. Wir entscheiden dann ihn einzuholen und vorbeizufahren. Er bemerkte uns natürlich und brüllte und entgegen: „Fuck you, you fuckin‘ Russians!“ Wow, wie gross kann der Hass mancher Letten gegen die Russen denn sein? Unser kleines Fähnchen, das die deutsche und russische Nationalflagge mit einer Friedenstaube verbindet, soll lediglich die deutsch-russische Freundschaft pflegen und den europäischen Frieden sichern. Was ist daran so verwerflich?

14.37 Uhr: Wir halten an einem bestuhlten Häuschen vor dem Rigaer Universitätsklinikum und wählen aus diversen Kartoffelsalat-Gerichten eine feste Mahlzeit. WLAN versorgt uns mit Informationen.

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Unser Reporter im Stau

15.10 Uhr: Wir fahren weiter. Stau. Stau erfolgreich umfahren. Wir verlassen Riga. Geschlossener Bahnübergang auf der Autobahn mit Schienen über dem Asphalt. Cool. Verfahren in Lettland ist kein Problem. Es gibt direkte Wendemöglichkeiten auf der Autobahn.

15.45 Uhr: Die Lieder auf der eingebauten Autoradio-Festplatte wiederholen sich. Wir schalten auf Radio und hören lettische Volklore und HipHop. Weiterhin erkennt man gelegentlich ein Polizeiauto. Ob sie extra wegen uns da sind? Man kann nur spekulieren. Max von Eingeschenkt.tv ist fleissig und bastelt am Laptap auf der Rückbank an seinen Laptop an Fotos und Videos. Die Landschaft haucht langsam skandinavisch/borreal an, die Vegetation ändert sich. Es wachsen hier viele Birken und Nadelbäume, es gibt viele Sümpfe und buntes Moos, Hügel. Immer geradeaus. Immer geradeaus auf der breiten Schnellstraße.

17.22 Uhr: Mitten in der Pampa am Straßenrand bei kaltem Regen steht fern von jeder Art Fahrzeug ein sich leidenschaftlich küssendes Liebespaar. Klitschnass, und eng umschlungenen. Das muss Liebe sein. Wir nicken ihnen anerkennend zu.

17.33 Uhr: Wir erreichen Estland! Juchu, noch ein baltisches Land. Nach diesem Baltikum-Kurztrip kann ich in Zukunft endlich Litauen, Lettland, Estland auf der Karte endlich richtig zuordnen und ihren richtigen Hauptstädte, Vlinius, Riga und Estland zuordnen. Es begrüßen uns Verkehrsschilder, die vor frei herumlaufenden Elchen warnen. Wir rasten für ein paar Minuten am Waldrand, genießen die frische estnische Luft. Währenddessen fahren kurz Rallye-Kollegen vorbei, grüßen uns herzlich.

17.52 Uhr: Ein paar Kilometer weiter halten wir im Dorf Misso, einen Ort den ich bereits auf Google maps nach Einkaufsmöglichkeiten untersucht haben. WLAN ist von der Straße aus ausgeschildert und weist auf den Dorflebensmittelladen, den wir besuchen. Jeder nimmt 1-2 estnische Spezialitäten mit. Draußen überfliege ich eine Tourismus-Infotafel über das Dorf. Es grüßt uns ein Estner, der ebenso einkaufen magt. Scheinbar ist er sichtlich erfreut über fremden Besuch. Vermutlich hat er aber unser deutsch-russisches Fähnchen nicht bemerkt.

18.24 Uhr: Wir warten eine Stunde vor der estnischen Grenze bei der wir vor Kontrolle noch 4,70€ Mautgebühr bezahlen müssen. Die Kontrolle selbst ging verhältnismäßig sehr schnelle, der estnische Polizist war recht freundlich und über seine Lippen kommen mit einem Lächeln ein paar Worte Deutsch und zur Verabschiedung ein herzliches Auf Wiedersehen. Vor der russischen Kontrolle wie auch während der Kontrolle zieht sich die Wartezeit weit in die Länge. Die netten Gespräche mit den anderen Friedensfahrern verkürzen das öde Warten. Das 20.00 Uhr angekündigte Konzert auf dem Lenin-Platz ist wegen Regen und  Verspätungen durch die Grenze ausgefallen. Die Russen lassen sich Zeit.

21.46 Uhr: Wir stehen immer noch an der Grenze.

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Ferienunterkunft in einem Plattenbau-Hochhaus im gehobenen Stil

22.33 Uhr verlassen wir die Grenze und fahren auf ziemlich dunklen und schlecht beleuchteten Straßen eine knappe Stunde bis nach Pskow. Wir übernachten in einer Ferienunterkunft, einem Plattenbau-Hochhaus im gehobenen Stil. Unser Navi ist leider nicht das modernste, Google Maps funktioniert hier nicht – ohne die Hilfe eines Russen wären wir wohl nicht rechtzeitig angekommen, die Vermieterin erwischten wir kurz vor der Abfahrt.

Hier erfahren wir: Eine Mitreisende kann nicht mehr weiter fahren und tritt die Heimreise an. Wir können ihr das ehrlich nachfühlen. Wir sind alle ziemlich erschöpft, durcheinander und verwirrt. Es läuft nicht gut für uns, gerade. Morgen treffe ich mich allerdings mit einer jungen Frau, die mich per Internet kontaktiert hat, und meine Freunde und mich kennen lernen will. Es soll außerdem ein Konzert in Pskow geben, einige Teilnehmer wollen nach Utorgosh zu einem Bio-Bauernhof fahren und dort auch übernachten. Zum Glück müssen wir morgen nicht groß mit dem Auto fahren. Wir bleiben zwei Nächte in Pskow.

0.00 Uhr: Wie wir gerade erfahren, ist der Grund für die besonders gründliche Kontrolle bei der Wiedereinreise nach Russland offenbar ein verhinderter ukrainischer Terroranschlag auf die russische Halbinsel Krim. Der Geheimdienst FSB nahm dabei vor zwei Nächten mehrere Agenten Kiews fest, diese hatten laut Pressemitteilung 20 Sprengkörper mit einer Gesamtkapazität von mehr als 40 Kilogramm TNT dabei, Munition und andere spezielle Zündmittel, normale und nichtmagnetische Minen, sowie Granaten und Spezialwaffen, die aus bewaffneten Spezialeinheiten der Streitkräfte der Ukraine stammen sollen. Bei der Verhaftung der dem ukrainischen Militär zugeordneten Terroristen kamen nach russischen Angaben ein FSB-Agent sowie ein russischer Soldat ums Leben. Die Grenztruppen wurden in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt – wir verstehen jetzt, warum wir so lange an der Grenze warten mussten.

Wir sind entsetzt. Nicht nur darüber, dass dabei zwei russische Sicherheitsbeamte ums Leben gekommen sind, sondern vor allem darüber, dass man in den deutschen Medien bei Redaktionsschluss (1 Uhr) kaum etwas davon liest und hört. Gleichzeitig haben wir Verständnis dafür, dass in solchen Zeiten etwas gründlichere Kontrollen an der russischen Staatsgrenze stattfinden – auch wenn in der Folge der feierliche Empfang und das Konzert für uns in Pskow ausfallen mussten.

Am heutigen TAG 5 hat unser Reporter die Auswahl zwischen dem Besuch eines Bio-Bauernhofes, einem Kriegsveteranentreffen, dem Besuch eines SOS-Kinderdorfes und einer gemütlichen Stadtrundfahrt.
Wir berichten.
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