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Tag 11: Abschied in Moskau – vom muslimischen Gotteshaus in die Zentrale von „Putins Rockern“

18. August 2016
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Museum1 Am letzten Tag führten die Russen unseren Friedensfahrern allerhand tödliches Kriegsgerät vor – nicht Alle teilten die Begeisterung für Militärhistorie zum Anfassen.

Nach einem kurzen Ausflug in muslimische Gemäuer landete unser NuoViso-Reporter Daniel Seidel nachts im Hauptquartier der berühmt-berüchtigten „Nachtwölfe“: Hier tanzten die „Druschba“-Teilnehmer bis in die Puppen.

9.30 Uhr: Nach einem schnellen Frühstück haste ich in Richtung Innenstadt: In einer Stunde soll ich im Militärhistorischen Museum sein – doch im Verkehrsgetümmel Moskaus verlaufe ich mich zunächst. Fast eine Stunde komme ich zu spät. In zwei Gruppen wird im Museum eine Führung gemacht. Hier stehen verschiedenste Militärgeräte: Raketen, Panzer, Haubizen, Flugzeuge. Aus dem 19. Jahrhundert, 1. und 2. Weltkrieg, Vietnam- und Afghanistankrieg, bis hin zum Tschetschenienkrieg. Erfreulicherweise hat sich auch Sergey Filbert von Golos Germanii über Flug nach Moskau der Friedensfahrt angeschlossen und übersetzt die Ausführungen des Museumsführers. Ebenso bei der Führung neu mit dabei ist der Leipziger Eduard Klein, der über sein Unternehmen „Paneurasia“ für die Friedensfahrer sich um die gesamte Visaabwicklung für Russland und Weißrussland zum vergünstigten Preis gekümmert hat.

Museum4Die Vorführung historischen Kriegsgerätes trifft jedoch nicht bei allen Friedensfahrern auf Zuspruch. Friedensfahrerin Katrin Weiland zeigt sich von den Panzern und Raketen wenig beeindruckt – sie setzt sich von der Gruppe ab, um ihrem Ärger in einem sehenswerten Video Luft zu machen: „Es gibt sehr ambivalente Reaktionen und Haltungen hier. Hier wird eine Art Kriegskult zelebriert. Kriegsmentalität ist total überholt. Das ist der Konflikt hier an diesem Ort – sich anhören zu müssen, wie schnell die MIG 17 geflogen ist, welchen Weltrekord sie gebrochen hat, aber ich will mir nicht vorstellen, wie viele Menschenkörper von diesen Rädern hier zermantscht worden sind“, erklärt die resolute Aktivistin im Angesicht schwerer Kampfflugzeuge auf dem Freigelände des Museums.

Nach der Führungen gibt es noch einen Vortrag. Owe und Rainer bekommen rote Mützen vom Museum geschenkt. Das Museum behält eine deutsch-russische Druschba-Friedensfahne bei sich und verspricht, sie in Zukunft im Museum auszustellen – ich bin davon begeistert, für ein Kriegsmuseum wäre das natürlich ein sehr kontrastreiches Exponat.

Ab 14.30 Uhr gehen die Friedensfahrer, die im Museumpark noch im Katharinenpark spazieren. Da ich versehentlich meine leere Powerbank mitgenommen habe und mein Handy leer geworden ist, muss ich zurück zum Hotel, um die richtige Powerbank zu holen. Das bedeutet also 50 Minuten Fussweg zurück. Metro ist mir zu kompliziert ohne Martin, der sich bisher immer um die Metro-Navigation gekümmert hat. Auf dem Rückweg versuche ich mich auf einer alternativen Route. Meine Entscheidung wird nach wenigen Minuten belohnt, als eine große, schöne Kathedrale in mein Blickfeld kommt. Einige Meter später bemerke ich, dass es gar keine Kathedrale ist. Es ist eine Moschee. Und nicht nur irgendeine. Moschee3Es ist die Moskauer Kathedralmoschee, die größte Moschee Russlands und zweitgrößte Europas, die, wie der Name schon sagt, einer Kathedrale nachempfunden wurde. Ich begebe mich ins Gebäude hinein und lasse mich von der großen Gebetshalle nicht wenig beeindrucken. Nach dem Besuch des islamischen Gebetshaus ruhe ich mich im Hotel ein wenig für den kommenden Abend aus.

Kurz vor sechs verlassen Martin und ich das Hotel. Wir begeben uns zur U-Bahn. Weil diese wortwörtlich im Minutentakt verkehrt, brauche ich nicht zu fluchen, als ich die erste verpasse und die Türen fünf Zentimeter vor meiner Nase mit einer Gewalt zudonnern, dass es mir kurzzeitig Todesangst einjagt. Angekommen am Ziel warten wir mit ein paar Friedensfahrern, um dann mit einem Linienbus an das festlich geschmückte Gelände der Nachtwölfe zu gelangen – es handelt sich um das Hauptquartier des Motorradclubs. Auf dem Weg dorthin tausche ich mich mit Anna Preussel von KenFM über unser gemeinsames Schicksal des Medienmachens auf der Friedensfahrt aus. Trotz aller Arbeit lassen sich meine freundlichen Kollegen nicht den Spaß dieser abenteuerlichen Reise verderben und genießen die einmaligen, berührenden und unvergesslichen Momente, die uns immer wieder begegnen. Einem anderen Kollegen seien sogar allein angesichts der Schönheit des Moskauer Sonnenuntergangs die Tränen gekommen, erfahre ich.

sfzsrNach wenigen Minuten Busfahrt erreichen wir auch schon das Ziel: Das Quartier der Nachtwölfe. Dieser  ist der größte Motorrad- und Rockerclub Russlands. Bis zwei Tage vor dem Event stand noch gar nicht fest, ob das Treffen, das im Druschba-Kalender als „Grillen mit den Nachtwölfen“ bezeichnet wurde, überhaupt stattfinden würde. Doch nun, als wir vor ihrer Tür stehen, bin ich mir sicher: Das wird einer der ganz großen Höhepunkte auf der Reise! Vor dem Eingang erkennt man dem Club entsprechende Kunstwerke, die riesige Motorräder und stolze Wölfe abbilden. Nachdem bei der Kontrolle ein Blick in meinen Rucksack geworfen wurde, steht mir schon am Eingang freudig der Mund offen: Für den Partyhöhepunkt der Friedensfahrt haben sich „Putins Rocker“ nicht lumpen lassen. Eine Steampunk-Kulisse vom Feinsten steht vor mir, eine zur Bühne umgebaute Dampflok – es würde mich nicht überraschen, wenn es sich um die originale Filmkulisse von Doc Emmett Browns Zeitmaschinen-Dampflok aus „Zurück in die Zukunft III“ handeln würde. Eine vierstöckigen Terrasse mit Stühlen und Tischen, eine Tafel mit allen möglichen Leckereien – auch das Wetter spielt mit: Es herrscht eine lauschige Sommernacht. Einige Russen sind auch zu Besuch. Man sagt uns durchs Mikrofon, die Nachtwölfe, die uns eingeladen haben, möchten, dass wir uns wie zu Hause fühlen dürfen. Nun, Rocker die für uns Steaks auf einem Grill wenden, sehen wir zwar nicht, aber an der großen Tischtafel versorgen uns entzückende Kellnerinnen mit köstlichen Platten von gegrilltem Fleisch, Reis, Brot, Käse, Gemüse und Salaten. Auch das Bier ist hier das beste, das ich bislang in Russland bekommen habe. Wer hier nicht genug bekommt, kann seinen Durst an der Bar weiter löschen, Shisha rauchen oder im Restaurant nebenan ausgiebig essen.

Von der vierstöckigen Terrasse aus hat man einen hervorragenden Ausblick auf das Gelände. Die untergehende Sonne färbt den Himmel in schönes Licht. Die Stimmung hebt sich mit der Ankunft weiterer Friedensfahrer. Gegen 20 Uhr startet das Programm mit einem russischen Gedicht, gefolgt von musikalischen Einlagen des bekannten russischen Sänger Rodion Gosmanov, Andrei Berestenko und dem Tänzer und Volksliedsänger Barchat Garejev. Auch der Übersetzer von Golos Germanii, Sergej Filbert überzeugt hier musikalisch: mit Gitarre als Begleitung singt er gefühlvolle russische Schmachtlieder. Zwei Ukrainer treten auf, die Flaggen ihres Landes für die Friedensfahrer mitgebracht haben. Ihr Wunsch ist Friede mit Russland, sagen sie – und sie möchten, dass die Fahnen in Minsk und schlussendlich auch in Berlin zur Abschlusskundgebung zusammen mit den russischen und deutschen Flaggen geschwenkt werden. rzrhjrsDieses Anliegen wird von den Friedensfahrern mit großem Applaus gewürdigt. Auch Andreas Petrick steht wieder auf der Bühne, wie bereits beim Benefizkonzert in Sankt Petersburg. Er heizt die Stimmung auf den Höhepunkt, mit rockigen Nummern wie „Bed of Roses“ von Bon Jovi, „Moskau“ von Dschingis Khan und dem nahezu jedem bekannten „Kalinka“ an. Die Gäste feiern und tanzen mit Begeisterung. Improvisiert, im Paartanz, mit schwenkenden Fahnen, kreisend, hüpfend, jung und alt, Hand in Hand, in einer Menschenkette. Dazwischen hüpft ein russischer Militär in den Sechzigern in seiner aufgeknöpften Uniformjacke herum.

Ich kann nicht anders, es zaubert mir ein großes Lächeln ins Gesicht. Gänsehaut, Gänsehaut, Gänsehaut. All die Anstrengungen für die Friedensfahrt haben sich ausgezahlt. Nach zwei unvergesslichen Stunden ist das Programm auf der Bühne auch schon wieder vorbei. Dennoch bleiben die Friedensfahrer noch weitere Stunden zu Gast bei den Nachtwölfen und lassen den wundervollen Abend noch schön bei der Open-Air-Bar ausklingen. Apropos Nachtwölfe – wo sind die eigentlich? Während der Feier konnte ich die Motorräder auf dem Gelände noch an einer Hand abzählen. Man sieht die wenigen angekommenden Rocker auch durch die Menge huschen, doch dann verschwinden sie auch schnell wieder. Erst kurz vor Mitternacht kommen mit auffällig lauten Motoren und blendenden Scheinwerfern weitere Fahrzeuge an. Die Rocker scheinen jedoch ein wenig scheu zu sein. Mit Larissa, die für mich übersetzt, begebe ich mich in das versteckte, gemütliche Restaurant auf dem Rockergelände. Und da sitzen sie, die Nachtwölfe, mit Essen und Trinken in gemütlicher Runde am Tisch. Ein Interview wollen sie mir nicht geben, aber mit Fotos sind sie einverstanden, lächeln freundlich in die Kamera. Wir verabschieden uns mit Händedruck. Gegen Ende des Abends tanzen noch ein paar Friedensfahrer vor dem Eingang des Quartiers mit viel Temperament russische Folklore und Salsa. Kurz nach Mitternacht brechen wir auf in Richtung unseres Hotels.

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