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„Druschba“ Rückreise mit Hindernissen: Wenn in Weißrussland das Mautgerät zwei Mal piept

21. August 2016
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Gedenkende FriedensfahrerWARSCHAU – Eine lange Autofahrt hat unser NuoViso-Reporter in den letzten drei Tagen zurück gelegt. Dabei hat sich gezeigt: Die „Druschba“-Fahrer haben sich größtenteils individuell auf die Rückreise begeben. Zusammen wollen jene Teilnehmer, die von 235 in 48 Fahrzeugen noch übrig sind, am heutigen Sonntag, gegen 18 Uhr, vor dem Brandenburger Tor einrollen. NuoViso-Reporter Daniel Seidel berichtet.

 

 

TAG 12: Smolensk

Nach der feierlichen Abschiedsparty und 6 Stunden Schlaf sitzen wir um 11 Uhr im Auto. Es gab um 8.30 Uhr einen offiziellen Treffpunkt im äußeren Stadtbezirk. Aber die Handvoll gutgläubiger Friedensfahrer, die um diese Zeit nach so einer Sause eine Kolonne erwartet hatte, wird bestimmt gleich wieder weitergefahren sein. Friedensfahrer, die zeitig da sein wollten, haben bestimmt aber auch den extremen Verkehr in Europas größter Metropole unterschätzt. So stehen auch wir für eine halbe Stunde im Stau. Selbst für einen Krankenwagen, der mit Blaulicht und Sirene unterwegs ist, geht hier nichts mehr – und dafür wird er von anderen Autofahrern auch noch angegiftet.

Das erste Druschba-Fahrzeug, das wir sehen, ist ein roter VW Transporter sächsischer Friedensfahrer. Aus dem Dachfenster des, liebevoll genannten, fahrenden „Pressebüros“ ragen zwei vom Wind zerzauste Reporter mit Kameras heraus. Jene sind Max und Thomas von Eingeschenkt.tv. Bei der Fahrt durch Moskau erhaschen sie noch letzte Bilder bei schönstem Sonnenlicht, wie zum Beispiel das Geschäfts- und Finanzzentrum mit seinen Wolkenkratzern, an dem wir vorbeifahren. Wir filmen uns aber auch viel gegenseitig. Langsam bewegen wir uns aus Moskau heraus und die Maut-Mitarbeiter der Stadtautobahn verlangen insgesamt 250 Rubel (ca. 3,40€)  von uns. Und dann beginnt eine gähnend langweilige und langwierige Fahrt nach Smolensk. Fürs Auge hat Russland entlang der Schnellstraßen nicht viel zu bieten. Aber wir befinden uns auf dem Rückweg, es geht zurück Richtung Westen, in die Heimat. Trotz aller schönen Dinge, die ich in den letzten 11 Tagen erlebt habe, bin ich doch auch froh, dass die ganze Rallye, die uns viel Kraft gekostet hat, bald ein Ende findet. Ich freue mich schon auf Minsk, und mit Weißrussland auf ein neues Land, das ich auf meine Checkliste der bereisten Länder setzen kann. Auch auf die Berliner Abschlusskundgebung am 21. August um 18 Uhr vor dem Brandenburger Tor bin ich sehr gespannt. Das wird garantiert für alle Teilnehmer noch mal ein sehr emotionaler Moment, wenn sie vor Ort die vergangenen zwei Wochen noch mal Revue passieren lassen.

Leider werden nicht alle am Brandenburger Tor angekommen. Einige Friedensfahrer sind bereits wegen Krankheit oder kapputten Autos auf der Strecke geblieben, sind aus persönlichen Gründen von Moskau aus wieder zurück geflogen oder fahren von Moskau aus über Weißrussland und Polen nach Deutschland ohne große Pausen durch. Es ist nicht möglich, zu überblicken, wie viele Teilnehmer noch dabei sind. Während der Fahrt holen wir unsere Fahrgruppen-Nachbarn mit der Nummer „G5“ ein, die wir zufällig bei Kaffee und Borschtsch zum 2. Frühstück an einer Raststätte treffen. Auf halber Strecke gibt es für Martin und mich Pizza. Bevor uns das aufziehende Gewitter einholt, donnern wir wieder davon. Weitere 3 Friedensfahrzeuge sehen wir noch, sonst bleiben wir relativ allein. Entweder der größere Teil der Fahrzeuge ist schneller oder langsamer als wir, können jedoch nur spekulieren. Kurz vor 17 Uhr treffen wir in Smolensk ein und brauchen erst mal ein wenig Zeit, um die Hausnummer 22D zu finden, an der sich unser „Travelhostel“ befinden soll. Nach langer Suche braucht die Empfangsdame dann über eine halbe Stunde, bis sie unsere Reservierung fertig bearbeitet hat und uns unseren 8-Personen-Schlafsaal zeigen kann. Wir legen unsere Sachen auf die Betten, fahren los und besuchen eine von Rainer Rothfuß und Owe Schattauer anberaumte Pressekonferenz.

TAG 13: Minsk

Morgens früh um 8 Uhr machen wir uns nach dem Tanken auf Richtung weißrussische Grenze. Wir entschließen uns doch noch dazu, zur Gedenkstelle nach Katyn zu fahren, die auf dem Weg liegt. Der Ort dient dem Gedenken an etwa 4400 ermordete polnische Offiziere durch den sowjetischen NKWD. Gerade die Polen verspüren heute zum Teil immer noch einen Hass gegen Deutschland und besonders gegen Russland, aufgrund der Besetzung Polens im Zweiten Weltkrieg. Unsere Präsenz an dem Ort soll auch über die eingeladenen polnischen Medien den Polen ein Zeichen setzen, dass wir auch ihrer Opfer gedenken und auch sie in den Frieden zwischen Deutschland und Russland mit einbeziehen wollen. Obwohl wir dreizehn Minuten zu spät ankamen, ist um 8.43 Uhr noch niemand am Treffpunkt. Entweder wir sind zu spät, oder, was viel wahrscheinlicher ist: zu früh. Erst 8.58 Uhr meldet einer in der Whatsapp-Gruppe, sie seien die ersten am Denkmal. Doch da sind wir schon längst weiter gefahren, da wir befürchten sonst zu lang an der Grenze zu warten.

Doch erst kurz vor der Grenze erinnere ich mich, dass es gar keine Grenzkontrolle zwischen Russland und Weißrussland gibt. So fahren wir tatsächlich einfach über die Grenzlinie und begeben uns an die erste Mautgerät-Verkaufsstelle. Wir halten an der Raststätte an und melden uns beim Mautservice BelToll. Dort werde ich erst mal von einem Mitarbeiter zum Auto begleitet, der mir erklärt, wie man das Gerät richtig ans Auto anbringt. Letztendlich muss man das Gerät lediglich an die innere Frontscheibe kleben, mehr nicht.

Dann warten wir mit einer Hand voll Friedensfahrern in der stickigen Mautgerät-Baracke, bis wir dran kommen. Martin ist dann eine Viertel Stunde lang damit beschäftigt, verschiedene Dokumente vorzulegen und, im Gegensatz zu anderen Friedensfahrern, die 20 Mal signieren mussten, nur 14 Mal auf etliche kyrillische Papiere seine Unterschrift setzen.

MautgerätNach dem Anbringen des Mautgeräts um 11 Uhr ging die Fahrt auch schon weiter, während das umgerechnet 45 Euro + 20 Euro Pfand teure Mautgerät hin und wieder beim Durchfahren von Checkpoints kurz piept. Neues Land, neue Erfahrungen! Wir sind in Weißrussland! Um 14.30 Uhr erreichen wir nach zwei kurzen Pausen auch schon die Hauptstadt Minsk und fangen erste Eindrücke ein. Im Prinzip sieht hier vieles ähnlich aus wie in anderen russischen Städten. Auffällig ist, dass an den Hauptstraßen an den meisten Laternen rote, weiße und grüne Fahnen hängen, die Farben der Nationalflagge des Landes. Die Straßen und Wege sind ansonsten auch sehr breit angelegt, so breit, dass es anders als in Moskau und Sankt Petersburg daneben sogar noch Platz für Fahrradwege gibt. Die Straßen im Zentrum wirken im Gegensatz zu anderen, wuseligen Metropolen durch den großflächigen Bau ein wenig kühl und leergefegt. Dennoch ist es interessant für mich, die Architektur und besonders die Menschen der Stadt ins Auge zu fassen und sie ein wenig zu beobachten. Es sind Menschen wie Du und ich. So leben also in der so genannten „letzten Diktatur Europas“, unter dem seit 1994 amtierenden Präsidenten Alexander Lukaschenko.

Kurz vor drei erreichen wir den Zielort unseres Hostels. Auf den Bildern, die ein großes ziegelsteinrotes Hause zeigen, als auch wegen des Namens „Days Inn“, suggeriert das im Zentrum gelegene Hostel hohen Komfort, Bekanntheit, Internationalität und viel Zulauf. Doch das in der Tat recht große Gebäude, in dem sich letztendlich Wohnraum und verschiedene Geschäfte befinden, müssen wir erst zwei Mal umkreisen, bis wir verunsichert einen Eingang vermuten – in einem Hinterhof an einer alten, dreckigen Stahltür voller Aufkleber, aber ohne Hinweis auf das Days-Inn.

Erst ein Anruf beim Hostel bestätigt uns, dass wir am richtigen Ort sind und die Empfangsdame kommt zur Tür und begleitet uns zum Eingang des Hostels. Alt, verranzt und etwas dreckig ist das Treppenhaus, weitaus gruseliger ist der schon antik anmutende Fahrstuhl, der Geräusche macht, als bilde er die Eingangsszene aus einem Horrorfilm. Da muntert auch die aus verschiedensten Zeitschriften ausgeschnittene Bildmosaik-Wand nicht auf, die die Fahrstuhlfahrer sicher beruhigen soll. Der Eingang ist gruselig, schön groß und gemütlich sind jedoch die Zimmer. Dafür hat das Hostel wohl auch seine hervorrangenden 9,3 von 10 Sterne bei Booking.com bekommen. Das groß geglaubte Days-Inn hat letzlich nur 3 oder 4 Zimmer und befindet sich versteckt in einer ehemaligen Mehrraumwohnung.

Kurz nach 16 Uhr gehen wir hinaus und machen uns auf zum verabredeten Treffpunkt: das Hotel Yubileini, wo auch viele Friedensfahrer übernachten werden. Auf dem Weg dorthin schauen wir am Ewigen Feuer vorbei, damit wir wissen, ob schon Friedensfahrer da sind. Leider können wir von der Straße aus in den Park hinein niemanden erkennen. So setzen wir unsere Route weiter zum Hotel fort und genießen ein wenig den Ausblick auf die Stadt Minsk. Es herrscht eine für Großstadtverhältnisse relative ruhige und entspannte Atmosphäre auf den Straßen und Wegen. Eine halbe Stunde später kommen wir dann im Hotel verspätet an und entdecken einige Druschba-Fahrzeuge. Niemand weiß aber, was der aktuelle Stand ist, ob schon Friedensfahrer am Ewigen Feuer sind oder nicht. Erst eine weitere halbe Stunde treffen wir Friedensfahrer, die vom Ewigen Feuer über die U-Bahn zurück müssen, weil sie ihren Hund nicht mitnehmen durften und zeigen uns, an welcher U-Bahn-Station wir aussteigen müssen, um zum Gedenkort zu gelangen. Gesagt, getan, und eine weitere halbe Stunde später sind wir auch schon drei Stationen weiter aus der U-Bahn raus.

Ewiges Feuer SmolenskDen Gedenkort finden wir nach einer weiteren halben Stunde Umherirrens jedoch nicht mehr. Martin und mir tun die Füße weh, also entscheiden wir uns, ins Restaurant Lido zu gehen, das uns von Rainer Rothfuß empfohlen wurde. Wir hoffen dort Friedensfahrer zu finden, die bereits vom Ewigen Feuer gekommen sind, das wir wohl schon längst verpasst haben. Doch auch hier scheinen wir wieder die ersten zu sein. Wir bleiben dennoch im Selbstbedienungs-Restaurant und verspeisen unser Abendessen. Währenddessen trifft dann doch eine Gruppe Friedensfahrer ein. Müde von den letzten Tagen gehen Martin und ich nach einem kurzen Einkauf jedoch bereits 20.30 Uhr zurück ins Hotel. Während Martin sich für den 550 Kilometer langen Weg nach Warschau am kommenden Tag ausruht, schreibe ich diesen Reisebericht nieder. Leider haben heute viele Dinge nicht geklappt, wir haben beide Gedenkveranstaltungen verpasst. Dennoch: Minsk, es war recht kurz, aber dennoch schön mit dir!

TAG 14

Wir fahren um 10.30 Uhr vom Hostel los und ich genieße noch ein letztes Mal bei schönstem Sonnenschein die Aussicht auf die Stadt Minsk. Dann geht es zügig weiter, geradeaus Richtung Westen zur polnisch-weissrussischen Grenze in Brest. Dort müssen wir vor Grenzübertritt noch unser Mautgerät abgeben. Um 12.09 Uhr ist es wieder, wie in Moskau das fahrende „Eingeschenkt.tv“-Pressebüro, dem wir als erstes begegnen. Diesmal jedoch ragen auf der Autobahn keine Köpfe aus dem Dachfenster heraus. Eine Viertel Stunde später holen wir eine Hand voll Autos und den Reisebus ein, die mit uns an einer Tankstelle kurz rasten. Ein beruhigendes Gefühl, nicht Letzter zu sein. Weniger beruhigend ist es, als unser Mautgerät um 12.57 Uhr statt ein auf einmal zwei Mal piept, was ein Problem signalisiert – weshalb man sich dafür an der nächsten BelToll Stelle melden sollte. Wir halten an der nächsten Autobahnraststätte und treffen zum Glück ein Friedensfahrer-Auto und erklären den Insassen unser Problem. Die wiederum erzählen, dass es bei ihnen noch viel schlimmer war, weil das Gerät gar nicht funktioniert hat und sie so jede Menge mit BelToll zu diskutieren hatten. Kaum haben wir angehalten, kommt aber auch schon die Polizei bei uns vorbei. Ob sie speziell wegen des doppelten Piepens bei uns waren oder zufällig neben uns gehalten haben, wissen wir nicht. Unser Parkplatznachbar drückt dem Polizisten erstmal Flyer und zwei Druschba-Wimpel in die Hand, die er dankend annimmt. Glücklicherweise spricht seine Sitznachbarin Russisch und übersetzt dem Polizisten unser Problem. Der überaus gut gelaunte und freundlich lächelnde Polizist meint, wir sollten uns an der nächsten BelToll Stelle, 3km weiter, wenden. Wir fahren dorthin, erklären der BelToll-Kassendame unser Problem und übergeben ihr unser Gerät. Auch der Polizist von vorhin kommt hinein und erklärt erneut unser Problem. Sie fragt, ob wir nach Brest fahren wollen, was wir bestätigen. Ohne weiteres übergibt die BelToll-Mitarbeiterin uns lächelnd zurück das Gerät zurück. Der Polizist winkt uns freundlich in Richtung Brest und sagt auf Deutsch, wir dürften weiter „fahren“. Also, alles in Ordnung? Wir fahren zurück auf die Autobahn aber dennoch piept es nach wie vor Maut- für Mautkontrolle zwei Mal. Ich habe da irgendwie kein so gutes Gefühl… Halb drei erreichen wir die modern ausschauende Grenzstadt Brest. Hier müssen wir erst mal wieder eine BelToll Stelle finden, um unserer Gerät abzugeben und zu hoffen, Pfandgeld dafür zurück zu bekommen. Das gibt es jedoch nicht, weil das Guthaben wahrscheinlich beim Kauf wohl so berechnet worden ist, dass auch das Pfandgeld mit aufgerechnet wird. Das erklärt wohl auch den 200 Kilometer durchgehenden Doppel-Piep. Zusammengefasst wage ich behaupten, dass Weißrussland wohl das für Autofahrer komplizierteste Mautsystem der Welt besitzt. Es folgt ein Einkauf letzter Souvenirs in einem Land, das ich vielleicht nie mehr bereisen werde.

Um 15.56 Uhr geht es an die Grenzkontrolle. Um 15.56 Uhr verlassen wir nach einer Stunde auch die Grenze schon wieder. Ja, richtig gelesen. 15.56 Uhr – wir gewinnen durch den Zeitzonenwechsel wieder eine Stunde zurück. Auch überrascht, warum der Grenzwechsel so schnell ging? Für uns Friedensfahrer hat sowohl die weißrussische als auch die polnische Seite eine Express-Kontrolle eingerichtet, bei der wir auf linker Spur neben den ganzen anderen Fahrzeugen einfach vorbei durften. Nach Angaben von Rainer Rothfuß handelt es sich dabei um die Diplomatenspur, die extra für uns geöffnet wurde. Wir wollten wegen der Polen eigentlich unseren deutsch-russischen Wimpel vom Auto entfernen, aber hier hat es uns tatsächlich mal genutzt. 18.15 Uhr rollen wir langsam bei untergehender Sonne in der polnischen Hauptstadt Warschau ein, 20 Minuten später erreichen wir unser Hostel. Heute Abend soll es noch etwas zu essen geben und den Kulturpalast möchte ich auch gerne einmal ansehen.

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