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Nowitschok, Teil 2: London hat einen „Geheimplan“


5. Juli 2018

von Norbert Fleischer

„Nowitschok-Opfer“ Dawn Sturgess (44) und Charlie Rowley (45).

Wenige Stunden nach Bekanntwerden eines zweiten Vorfalls, bei dem wie im Fall Skripal zwei Personen angeblich mit einem „russischen Nervengift“ namens Nowitschok vergiftet worden sein sollen, fliegen in Großbritannien wieder die Fetzen – gegen Russland, versteht sich. Die Opfer, der Heroinabhängige Charlie Rowley (45) und seine Freundin Dawn Sturgess (44) waren am Samstag in lebensbedrohlichem Zustand in einem Haus im Dorf Amesbury in Südengland entdeckt worden: Beiden quoll weißer Schaum aus den Mündern. Das Haus liegt etwa zwölf Kilometer vor Salisbury, wo Sergej Skripal und seine Tochter Julia im März angeblich mit Nowitschok vergiftet wurden. Beide Tatorte befinden sich nur wenige Kilometer von der englischen Zentrale für militärische Kampfstoffe, Porton Down, entfernt. Doch anstatt dort nach einem eigentlich nahe liegenden, möglichen Leck in den Giftschränken zu suchen, zeigt die Politik bereits mit dem Zeigefinger auf den russischen Präsidenten. Das Innenministerium folgt dabei einem „Geheimplan“.

„Es wird Zeit, dass Russland genau erklärt, was vorgefallen ist“, forderte der britische Innenminister Sajid Javid am Donnerstag im Parlament. Es seien „Aktionen der russischen Regierung“, die „bewusst oder zufällig“ britische Bürger in Gefahr brächten. Moskau nutze „Britannien als Müllhalde für Gift“. Das britische Kabinett tagte in einer Dringlichkeitssitzung.

Die Regierung in Moskau reagierte scharf: Die britische Polizei solle die „dreckigen politischen Spiele mancher Kräfte in London“ nicht mitmachen und „endlich“ mit Russland kooperieren, sagte die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa. Sie forderte die britische Regierung auch auf, sich bei Russland für die Vorwürfe zu entschuldigen. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow beklagte am Donnerstag, dass Großbritannien von Anfang an kein Interesse an gemeinsamen Ermittlungen im Fall Skripal gehabt habe. Den neuen Fall in Amesbury, zu dem Russland keine Erkenntnisse habe, nannte er „sehr beunruhigend“. Der Fall Skripal führte zu einem tiefen Zerwürfnis zwischen Russland und Großbritannien mit beiderseitigen Diplomatenausweisungen.

Wie diese „dreckigen politischen Spiele“ im Detail aussehen, ließ sich aktuell an der erschütternden Parlamentsdebatte in London ablesen: Innenminister Sajid Javid behauptete am Donnerstag auf kritische Nachfrage einer Abgeordneten erneut, Russland habe in keiner Weise je Bereitschaft gezeigt, an der Aufklärung des Verbrechens mitzuwirken: „Sie hätten es die ganze Zeit über tun können, aber sie haben sich klar entschieden, dies nicht zu tun“, erklärte er im House of Commons in London. In Wahrheit aber hatte die russische Regierung in den Wochen nach der ersten Anschuldigung, an der Vergiftung der Skripals schuld zu sein, immer und immer wieder ihre Bereitschaft dazu erklärt und für die eigenen Ermittler um Informationen zu dem Fall gebeten – was London bis heute ignoriert. Minister Javid fuhr stoisch in seinem eigenen Narrativ fort, „anstatt aufzuklären“, habe Russland „eine Desinformationskampagne“ als Reaktion gestartet, und er erwarte, dass Russland dies auch nun „in den kommenden Wochen und Monaten tun wird.“ Hatten im Fall Skripal so gut wie alle westlichen Mainstreammedien unisono Londons Erzählweise eines „russischen Angriffs“ übernommen, erwarte er nun, dass sie den „Kampf“ gegen die angebliche Desinformationskampagne der Russen fortsetzten. „Ich glaube, da ist noch viel mehr zu tun“, erklärte Javid mit Blick auf die Medien.

Ist nun doch im russischen „Propagandafernsehen“ zu sehen: Innenminister Sajid Javid. (Foto: RUPTLY)

Wie bereits im März sagte der Innenminister zu, die Polizeikräfte in der Region um Amesbury und Salisbury, wo beide Fälle aufgetreten sein sollen, gehörig aufzustocken. Von den befreundeten Ländern erwarte er im internationalen Vorgehen das selbe Maß an Solidarität, wie im Fall Skripal: „Die Einheit freiheitsliebender Nationen ist sehr wichtig, angesichts der Art dieses Vorfalls.“ Welche genauen Sanktionen gegen Moskau er zum Ziel habe, ließ er jedoch offen. Zuletzt waren über 140 russische Diplomaten aus insgesamt 26 europäischen Ländern, den USA, Kanada und der NATO ausgewiesen worden – ein in dieser Größenordnung einzigartiger Vorgang.

Ob diese befreundeten Nationen ihm allerdings genau so folgen würden, wie nach dem Skripal-Fall im März, hält die britische Regierung noch für ungewiss: Selbst im eigenen Land schwärmen die Medien geradezu  von der herzlichen Gastfreundschaft und freundschaftlichen Gefühlen, die die zur WM nach Russland gereisten Briten reihenweise begeistern würden  – deshalb verfolgt der Innenminister jetzt den Plan, bei den rein zufällig kurz vor der Tür stehenden, politischen Großereignissen ordentlich klappern zu gehen, um wieder einmal eine breite, internationale Front gegen Russland zustande zu bringen: Kommende multilaterale Veranstaltungen, wie der am Montag beginnende Westbalkan-Gipfel, der unmittelbar anschließende NATO-Gipfel und der Besuch Donald Trumps in London – der US-Präsident landet in genau einer Woche abends auf dem Flughafen Stansted – wolle die Regierung „nutzen, um genau diese Solidarität herzustellen“, erklärte der Minister gerade heraus, im Abgeordnetenhaus. Am 16. Juli soll schließlich in der finnischen Hauptstadt Helsinki ein mit Spannung erwartetes Gipfeltreffen zwischen Trump und Putin stattfinden. Die britische Regierung hofft offenbar, sowohl die EU-Nachbarn, als auch Trump, bis dahin auf ihren Kurs gegen Russland eingeschworen zu haben. Die zeitliche Nähe zu dem aktuellen „Nowitschok“-Fall: Reiner Zufall, selbstverständlich.

Ein älterer Abgeordneter aus der Opposition fragte, was man tun könne, damit diese Pläne, er und die Mit-Abgeordneten des Unterhauses „nicht auf Putins Propagandafernsehkanal zu sehen sein werden.“ Dem „ehrenwerten Abgeordneten“ war die Idee sichtlich unangenehm, russische Medien könnten den offen ausgesprochenen Plan des Ministers erfahren und ihn in „Desinformationskampagnen“ einbauen. Ihm antwortete Javid, er spräche „dieses Thema absolut zu Recht an“. Es sei bereits „viel zu oft passiert, dass Abgeordnete dieses Hauses traurigerweise RT unterstützt haben. Wenn Abgeordnete auch nur einen Hauch von Gemeinschaftssinn besitzen, werden sie nach diesem zweiten Vorfall feststellen, dass die britische Öffentlichkeit keinen von ihnen je unterstützen wird, die Präsident Putin unterstützen.“ Britische Abgeordnete sollen russischen Medien also keinerlei Interviews mehr geben – ein Novum, im Land der Pressefreiheit.

Wer die Debatte und den „Geheimplan“ darin noch einmal anschauen möchte, für den haben die Kollegen vom „russischen Propagandafernsehen“ RUPTLY eine völlig ungeschnittene und unkommentierte Aufzeichnung bei youtube hochgeladen.

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