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Liebesgrüße aus Moskau? „Sex-Agentin“ in USA angeklagt

19. Juli 2018
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Von Norbert Fleischer –

Die “Sex-Agentin” hat ein Faible für Schusswaffen aller Art. Foto: Maria Butina

Der Kalte Krieg ist wieder da. Er ist real. Hexenjagden wie während der McCarthy-Ära gehören in den Vereinigten Staaten von Amerika wieder zur Tagesordnung. Dabei schrecken die Akteure nicht einmal vor den allerdümmsten, seichtesten Propagandastorys in ehemals hoch seriösen Nachrichten-Medien mehr zurück. Die „New York Times“ und andere Blätter aus dem Qualitätssegment berichten vollkommen unkritisch über einen absurden wie surrealen Rechtsvorgang: Eine 29-jährige Russin soll als Geheimagentin Moskaus versucht haben, Einfluss auf die große, amerikanische Politik auszuüben. Das Problem an der Geschichte ist nur: Nichts von all dem, was ihr vorgeworfen wird, tat sie je im Geheimen. Alles, was ihr vorzuwerfen ist, ist, dass sie die Freiheit im “Land of the Free”, mit üblichen US-amerikanischen Verhaltensweisen, nutzte, um ihre eigenen Interessen zu verfolgen.

Dies hinderte die Kollegen von der New York Times jedoch keineswegs daran, in einem langen Aufmacher die neueste, russophobe Verschwörungstheorie des tiefen Staats penibel nach zu erzählen, ohne auch nur den leisesten Zweifel daran anzumelden. Ein beinahe schon historisch zu nennendes Beispiel für Russlandhass und -Hysterie auf höchster Ebene US-amerikanischer Medien.

 

Waffen-Närrin Maria Butina mit einem T-5000-Präzisionsgewehr des russischen Waffenherstellers Orsis. Foto: Maria Butina

Zugegeben: die Geschichte um Maria Butina (NICHT verwandt mit Wladimir Putin) ist so krass, so bunt und so unglaublich, dass sich so gut wie jeder Journalist die Hände lecken würde. Denn die Master-Absolventin der Politikwissenschaften sieht nicht nur überaus attraktiv aus, verrucht sogar, wenn sie, gern auch öffentlich, lasziv mit Schusswaffen aller Art posiert. Sie soll aber auch gezielt ihre weiblichen Reize dafür eingesetzt haben, Kontakte zur Waffenlobby und in die konservative Politik zu knüpfen. Und das auch noch mit einem sagenhaften Erfolg: Ganz oben auf der Liste der von ihr angesprochenen Personen steht ausgerechnet der mächtigste Mann der Welt, US-Präsident Donald Trump. Diesem hatte sie 2016 während seines Wahlkampfes die durchaus respektable Frage gestellt, ob er die Sanktionen gegen Russland fortzuführen gedenke. Sowohl die Frage, als auch die Antwort, lassen sich auf dem Youtube-Kanal des staatlichen russischen Auslandsrundfunks „RT Deutsch“ nachhören und -sehen.

 

 

Dem Artikel der New York Times nach erledigte “Sugar-Daddy” Paul Erickson (REP) für seine Mätresse zu hause die Drecksarbeit. Foto: C-SPAN

Doch schön der Reihe nach: Den Gerichtsunterlagen des Washingtoner Bundesgerichts nach sei die in Westsibirien geborene, reizende Rothaarige mit einem Studentenvisum im August 2016 in die USA eingereist, um durch »private« Kommunikationskanäle zu US Politikern in den »nationalen Entscheidungsapparat der vereinigten Staaten einzudringen und so die Interessen der russischen Regierung zu befördern.« Zur Vorbereitung ihrer geheimen Kampagne habe sie bereits als Jung-Unternehmerin in Russland zwei Jahre zuvor eine Waffenlobby-Organisation gegründet, ein Umstand, durch den sie in den Staaten schnell Anschluss an die „National Rifle Association“ (NRA), den amerikanischen Waffenlobbyisten schlechthin, fand. In ihrer Eigenschaft als russische Waffenlobbyistin trat sie auch vielfach öffentlich als Rednerin auf.

Obwohl ohne Arbeitserlaubnis in die USA eingereist, gab sie sich auf der Suche nach einem Job besonders umtriebig: Einem Amerikaner soll sie für einen Arbeitsplatz bei einer politischen Organisation sogar Sex angeboten haben. Doch nicht nur rein dienstlich, auch privat habe sie sich in die höheren Kreise der Gesellschaft “hochgeschlafen” – demnach zog sie bei einem republikanischen Politiker ein, fast doppelt so alt wie sie selbst, bezeichnete ihn als ihren „Boyfriend“, betrachtete ihn aber wohl eher als eine Art „Sugar Daddy“, eine Bezeichnung für ältere Herren, die sich gegen die regelmäßige Entrichtung eines ordentlichen Taschengeldes deutlich jüngere Mätressen halten. US-Medien mutmaßen, dass Butinas „Freund“ der 56-jährige Paul Erickson gewesen sei, ein NRA-Waffenfanatiker und konservativer US-Politiker. Besonders betonten die Ankläger vor Gericht, dass Maria Butina in ihrem engen Freundeskreis verächtlich über ihn sprach und ihn sogar »ihre Hausarbeit erledigen« lassen habe. Offensichtlich also zunächst einmal nur eine russische Frau, die amerikanische Männer zu handhaben wusste.

Die Anklageschrift legt der umtriebigen Russin “Verschwörung” zur Last. Foto: U.S. District of Columbia

Ob all diese farbenfrohen Details ihrer Biografie letztlich zu ihrer Verurteilung als russische Agentin führen werden, darf bezweifelt, aber keinesfalls ausgeschlossen werden. Offiziell angeklagt ist sie jedenfalls nicht einmal wegen Spionage – und die Liste der »Beweise« liest sich wie in einem billigen Agentenroman: Eines der zentralen Beweisstücke ist ausgerechnet eine angeblich von ihr an sich selbst handgeschriebene Notiz mit der Frage, »Wie (soll ich) auf das Jobangebot des FSB antworten?« FSB ist die Abkürzung des heutigen Nachfolgers des berühmten KGBs, des russischen Geheimdienstes. Die Notiz sei bei einer Hausdurchsuchung der Ermittler in ihrem Apartment gefunden worden. Ob sie echt ist? Wer weiß. In ihrer Ermittlungsakte befinden sich jedenfalls die Anklagepunkte “Verschwörung” und “Agententätigkeit” für Russland, wofür die junge Frau für bis zu 15 Jahre ins Gefängnis wandern könnte, bei entsprechendem Urteil. Unter anderem, führen die Ankläger aus, habe sie Kontakte gehabt zu hochrangigen staatlichen Funktionären Russlands, zu einem “russischen Amtsträger”, der ihren Einsatz in den USA gesteuert habe. Sein Name wird in den Justizunterlagen nicht genannt. Nach US-Berichten soll es sich um den Putin-Vertrauten Alexander Torschin handeln. Dieser war früher Parlamentsabgeordneter und hat inzwischen einen leitenden Posten bei der russischen Zentralbank. Und auch diese Beziehung hielt die junge Frau keineswegs geheim, sondern veröffentlichte auf ihrem Facebook-Profil gleich mehrere Selfie-Fotos mit genau diesem Alexander Torschin, den sie offenbar seit mehreren Jahren privat kennt.

“Könnte im Wagen der russischen Botschaft fliehen”: Maria Butina, hier bei einem Foto-Shooting, darf nicht auf Kaution aus der Haft. Foto: Facebook

Ebenfalls alles andere als konspirativ, speicherte sie ihre Kontaktliste im Internet. In dieser, so die Ankläger, habe sich ein E-Mail-Postfach befunden, das die amerikanischen Ermittler mit dem russischen Geheimdienst in Verbindung bringen – sagen sie jedenfalls. Ein Foto, das sie mit einem früheren Botschafter der russischen Botschaft in Washington zeigt, speicherte sie ebenfalls, selbst für jeden Nicht-Geheimdienstler sichtbar, öffentlich bei Facebook ab. Mit einem weiteren hochrangigen Kontakt, einem nicht genannten russischen Oligarchen, habe Maria mehrfach über Textbotschaften kommuniziert – auch nicht gerade die Art und Weise, wie Geheimagenten Nachrichten auszutauschen pflegen. Zudem, auch alles andere als im Geheimen, soll sie diesen Vertrauten des Kremls gegenüber Bekannten mehrfach „meinen Sponsor“ genannt haben. Ein Schelm, wer da noch eine echte, tatsächlich geheime Agententätigkeit auch nur in Betracht zieht.

Im Washingtoner Bundesgericht habe Butina, so berichtet wenig investigativ der News-Sender “CNN”, “mehrfach ihr langes, rotes Haar umgeschlagen und ansonsten eher stoisch” da gesessen. Das Gericht lehnte am Mittwoch jedoch eine Entlassung auf Kaution ab, mit Hinweis auf eine angeblich hohe Fluchtgefahr. Zur Begründung dieser reichte es schon aus, dass ein stellvertretender Bundesanwalt vor Gericht die Befürchtung äußerte, es sei für die angebliche Agentin ein leichtes, “sich der Justiz zu entziehen”: Dazu müsse sie doch lediglich “in einen Wagen der russischen Botschaft” steigen. Russland liefert – wie umgekehrt übrigens auch – keine eigenen Bürger zur Strafverfolgung an die Vereinigten Staaten aus, daher: U-Haft im Knast.

Während ihr Verteidiger vor Gericht nicht müde wurde, jedwede Verbindung seiner Mandantin in die von US-Geheimdiensten behauptete Einmischung Moskaus in den US-Wahlkampf 2016 zu verneinen, wofür es im Übrigen auch bislang keinen Beweis gibt, erklärte das russische Außenministerium, die Verhaftung der Russin sei zeitlich abgepasst gewesen, um etwaige Ergebnisse des Gipfels zwischen Donald Trump und Wladimir Putin von vornherein zu untergraben. Die angebliche Agentin war am Wochenende vor dem Treffen festgenommen und während des Gipfels in Helsinki dem Haftrichter vorgeführt worden.

Maria Butina bei einer Revolver-Schießübung: Voll ins Schwarze getroffen. Foto: Maria Butina

Kommentar des Autors: Maria Butina ist offensichtlich ein sehr gutes Beispiel dafür, was einem freien Menschen im “Land of the Free” passieren kann, wenn er sämtliche Tricksereien, die in den USA an der Tagesordnung sind, um sich empor zu “arbeiten”, für Zwecke einsetzt, die den Mächtigen nicht in den Kram passen. Die Frau hat sich mutmaßlich an betuchte, ältere Herren heran gemacht. Na und? Sie hat offenbar gezielt Kontakte in die amerikanische Waffenlobby geknüpft, doch mit welcher strafbaren Absicht, ist anhand der Anklageschrift nicht nachvollziehbar; wirtschaftliche Gründe dagegen liegen auf der Hand. Und jetzt? Für eine reale “Agententätigkeit” liegt keinerlei Beweis vor. Wahrscheinlich wird ein ordentliches Gericht sie in ein paar Monaten aus Mangel an Beweisen freisprechen und nach Russland abschieben. Spätestens dann dürften sich die Geheimdienstvorwürfe als heiße Luft erweisen. In der öffentlichen Debatte würde dies aber wohl kaum ankommen: Die echten Geheimdienstler haben bis dahin sicher schon andere “Agenten”-Kühe durch’s Dorf getrieben und zur Schlachtbank geführt. Fälle wie der von Maria Butina, einer extrovertierten Frau, die zufällig den falschen Pass besitzt und sich ansonsten gut für eine publikumswirksame, antirussische Kampagne eignet, gibt es in den USA sicherlich hundertfach. Vor denjenigen “Spin-Doktoren”, die sich diese Agentenklamotte ausgedacht haben, muss man allerdings den Hut ziehen: Sie haben, angesichts des gewaltigen Medienechos weltweit, voll ins Schwarze getroffen.

 

 

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