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Die Russen haben das Morden verlernt


31. Mai 2018

 – von Norbert Fleischer –

Es ist erst wenige Stunden her, da rieben sich zahlreiche Medienmacher rund um den Globus verwundert die Augen: Dieser Typ da, im schwarzen Hoodie, der Kerl da im ukrainischen Fernsehen – sollte der nicht eigentlich tot sein? Nur wenige Minuten zuvor war er es zumindest noch, tags zuvor für tot erklärt von der Kiewer Polizei, die seit dem Maidan-Putsch für den Westen zu den „Guten“ zählte. Der ukrainische Geheimdienst SBU habe den Mord nur vorgetäuscht, angeblich, um einen Mord am dem Kreml-kritischen Arkadi Babtschenko zu verhindern. Und, natürlich, wie immer: Moskau ist schuld an Allem. Warum? Weil er bei einem Ukrainer für 40.000 US-Dollar den Mord in Auftrag gegeben hätte, der wiederum einen Dritten damit beauftragt haben soll. Drei Beteiligte, ein Netzwerk, so die Kiewer Erklärung bei der Pressekonferenz.

Was hatten sie noch am Tag zuvor geschäumt, die Macher der Qualitätsmedien: Boris Reitschuster, Putin-Kritiker und ehemaliger Moskau-Korrespondent, klagte, sicherlich unter bittersten Tränen, seiner Leserschaft: „Wir waren uns nahe. Jetzt werde ich nie wieder sein Lächeln sehen.“ Er sehe eine „ganz klare Verantwortung im System Putin“ für den Mord.

Der altehrwürdige Deutsche Journalistenverband (DJV), mit rund 35.000 Mitgliedern der größte und wichtigste seiner Art, erklärte: „Auch wenn – natürlich – noch nicht klar ist, wer konkret diese Ermordung kurz vor der Fußball-WM in Russland veranlasst hat, so deutet doch alles in eine Richtung.“ Auf Twitter schoben die Profi-Journalisten nach: „Spätestens jetzt sollen die EU-Staaten ernsthaft über einen Boykott der WM 2018 nachdenken.“ Außenminister Heiko Maas forderte öffentlich „Aufklärung“ dieser „feigen Tat“, die zeige, „wie sehr die Pressefreiheit international unter Druck steht.“

Und nun? Der Kreml-Kritiker Babtschenko lebt, aber die Russen sollen trotzdem schuldig sein. Denn sie hätten ihn ja töten wollen – obwohl Kiew für diese ungeheuerliche Beschuldigung nicht den Hauch eines Beweises vorgelegt hat. Träfe die Behauptung zu, dann gäbe es beim russischen Geheimdienst FSB einigen Klärungsbedarf – denn Babtschenko wäre nun schon der dritte Fall, bei dem die Schlapphüte zu dumm gewesen wären, ihn ohne Aufsehen aus dem Weg zu räumen.

Erinnern wir uns an den angeblichen Chemiewaffeneinsatz gegen Sergej und Julia Skripal: Aus der durch die vertrauenswürdigen, britischen Geheimdienste veröffentlichen „Erkenntnis“, nur Russland besäße die als „Nowitschok“ identifizierte Giftsubstanz, wurde die Täterschaft Russlands herbei konstruiert. Der Fall schlug Wellen wie selten. Die meisten EU-Staaten sowie die USA wiesen hunderte russische Diplomaten aus. Moskau reagierte mit der selben Zahl von ausgewiesenen Diplomaten. Die Bundesregierung, in Gestalt des „gut gestylten NATO-Strichjungen“ Heiko Maas, erklärte sich solidarisch mit Großbritannien. Die Europäische Union demonstrierte Einig- und Geschlossenheit, wie man sie zuvor selten gesehen hatte. Aufgrund einer „Erkenntnis“ des britischen Geheimdienstes.

In den acht Wochen darauf fiel das Lügenkonstrukt des Westens wie ein Kartenhaus in sich zusammen: Es wurde bekannt, dass „Nowitschok“ keineswegs ein exklusives, russisches Geheimrezept war, sondern schon seit den frühen Neunziger Jahren ein alter Hut für die westlichen Dienste. Inzwischen darf – nach Veröffentlichungen westlicher Qualitätsmedien – davon ausgegangen werden, dass, neben Russland, auch Großbritannien, Tschechien, Schweden, Deutschland, Frankreich und die USA Proben des Giftes hergestellt oder besessen haben. Das einzige „Indiz“ also, dass auf eine Täterschaft

Russlands hindeuten sollte, erwies sich als Lüge, mit der schwerwiegende diplomatische Fehlentscheidungen des Westens gegenüber Russland offiziell begründet wurden.

Jens Berger von den „Nachdenkseiten“ schreibt zum Warum und Weshalb, es gebe im Grunde nur zwei mögliche Antworten: Entweder habe die Bundesregierung gewusst, dass ihr eigener Geheimdienst im Besitz der Substanz war, wie viele westliche Staaten auch, dann sei die Ausweisung ein vorsätzlich aggressiver Akt gegen Russland. Oder, sie habe nichts davon gewusst – in diesem Fall hätten die deutschen Dienste eklatant versagt.
Beide Varianten wären eigentlich wichtig genug, um von deutschen Spitzenpolitikern aller Parteien im Bundestag behandelt zu werden. Es gibt eine Vielzahl von weniger wichtigen Vorgängen, die in der Vergangenheit einen Untersuchungsausschuss gerechtfertigt haben. Die Bundesregierung und die Medien, die die Politik eigentlich überwachen sollten, gingen auf Tauchstation, beklagt Berger.

Der Fall Skripal: Ein Treppenwitz der Geschichte, eine von Anfang an unglaubwürdige Legende, erkennbar für Jeden, der aufmerksam die Nachrichten dazu verfolgte. Obwohl der angeblich verwendete Stoff aus der Giftstoffgruppe „Nowitschok“ in kürzester Zeit katastrophal tödlich wirken soll – ein winziger Tropfen (0,1 Milligramm) davon tötete 1995 den russischen Unternehmervertreter Iwan Kiwelidi, seine Sekretärin sowie sogar den Arzt des Leichenschauhauses direkt nach der Obduktion – sei im Fall der Skripals nach britischen Verlautbarungen die Menge „einer halben Tasse voll“ verwendet worden. Eine Menge, die sicherlich ausgereicht hätte, um die halbe Bevölkerung der Kleinstadt Salisbury ins Jenseits zu befördern.
Die Ärzte jedoch, die die beiden Bewusstlosen behandelten, blieben seltsamerweise komplett verschont. Zwei Tage lang behandelten sie die Patienten, entsprechend ihrer Erstdiagnose einer Opiatvergiftung durch das Schmerzmittel Fentanyl, bevor überhaupt jemand auf die Idee kam, ein militärischer Kampfstoff sei die Ursache. Inzwischen wurden beide mit der tödlichen Substanz Vergifteten aus dem Krankenhaus entlassen – und an geheimem Ort von der Öffentlichkeit abgeschirmt. Julia Skripal präsentierten die britischen Behörden in einem Video sogar als das blühende Leben selbst.

Russische Spaßvögel, die die wundersame Heilung des Ex-Spions und seiner Tochter, von einem Angriff mit „Nowitschok“, für unglaubwürdig halten, vertreiben bereits eine Fülle von Spaßprodukten und Internet-Memes mit dem Namen des Giftes. Die Palette reicht von Speiseöl über Schönheitscremes und Alkohol, bis hin zum umweltfreundlichen Waschmittel für die ganze Familie.

Quicklebendig nun auch Arkadi Babtschenko, der laut Kiewer Geheimdienst SBU, als dritter Überlebender eines angeblich russischen Geheimdienstkomplotts Schlagzeilen macht. Die Nachrichtenwelt vollzieht die Rolle-Rückwärts: Außenminister Maas, der noch am Abend der Mordmeldung empört die Ansicht vertrat, wobei er Moskau allerdings nicht namentlich nannte, die „feige Tat“ sei ein Anschlag auf die Pressefreiheit, erklärte am Donnerstag, vor seiner Abreise zu einer länger geplanten Kiew-Reise: „Ich habe schon die Erwartung, dass, wenn ich heute Abend in Kiew bin, ich die noch notwendigen Informationen erhalte, um mir daraus dann eine Meinung zu bilden.“ Er forderte, es müsse alles getan werden, um die Vorgänge aufzuklären. Die Ukraine könne beweisen, dass sie bei den Reformen zur Rechtsstaatlichkeit vorangekommen sei. „Es wäre eine gute Gelegenheit, einen solchen, für viele Menschen absolut nicht nachvollziehbaren Vorgang, rechtsstaatlich aufzuarbeiten“, sagte Maas. Die Organisation Reporter ohne Grenzen kritisierte hingegen, mit dem vorgetäuschten Mord sei die Öffentlichkeit in die Irre geführt worden. „Solche Inszenierungen sind ein Stich ins Mark der Glaubwürdigkeit des Journalismus“, warnte ROG-Vorstandssprecher Michael Rediske in einer Mitteilung von Donnerstag. Es sei unglaubwürdig, dass ein möglicher Mordanschlag nicht anders als durch dessen Vortäuschen verhindert werden könne. „Wir fordern von den ukrainischen Behörden umgehend Aufklärung über die Hintergründe des vorgetäuschten Journalistenmordes.“

Und der Überlebenskünstler Babtschenko? Der verteidigte die Inszenierung seines Todes durch den ukrainischen Geheimdienst. „Alles war genau so wie gesagt“, versicherte er Kritikern auf seiner Facebookseite. Wer ihm vorhalte, die Medien irregeführt zu haben, der solle „seine Prinzipientreue und hohe Moral beweisen und stolz erhobenen Hauptes sterben“. Auf Twitter entschuldigte er sich ironisch dafür, noch am Leben zu sein: „Bei der nächsten Attacke gehe ich bestimmt drauf.“
Zumindest dies bleibt noch abzuwarten – falls wieder einmal „die Russen“, die mit dem unfähigen Geheimdienst, dahinter stecken sollten.

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