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Am Anfang steht Beziehung – die Gefahren einer bindungslosen Gesellschaft

13. Juli 2016
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Ein paar Gedanken zur Zeit von Götz Wittneben, Moderator von „Neue Horizonte.TV“.

„Auf dem Weg in die bindungslose Gesellschaft?“ lautet der Titel meines Gesprächs mit Dagmar Neubronner, die ihren Kindern ermöglichte, den Großteil ihrer Kindheit und Jugend ohne Schule zu erleben. Dabei entdeckte sie – wie andere Eltern von sogenannten „Freilernern“ auch – dass sich die Beziehungsqualität in der Familie deutlich besserte, die Kinder gedeihen konnten und sie als Mutter nachholen konnte, was ihr als Schulkind verwehrt geblieben war. Der Hallenser Psychoanalytiker Hans Joachim Maaz (Hans-Joachim-Maaz-Stiftung für Beziehungskultur, das Interview mit ihm wird in Kürze bei Neue Horizonte.TV veröffentlicht) vermag alle menschlichen Krankheiten, seien sie physischer, psychischer oder psychosomatischer Natur, letztendlich auf gestörte Beziehungen zurückführen. Die Münchner Psychologin Annegret Hallanzy kann nach jahrelangen Feldforschungen mit Klienten und Seminarteilnehmenden das Fazit ziehen, dass unter allen unseren benennbaren Wünschen und Sehnsüchten eine Art Ur-Wunsch des Menschen besteht – der nach „Beziehungsqualität“.

Und was scheint die Agenda unseres Gesellschaftssystems zu sein? Aus meiner Sicht: Eine bindungslose Gesellschaft im Sinne dessen, was Aldous Huxley in seinem Zukunftsroman „Schöne Neue Welt“ beschreibt. Ein globaler Weltstaat, in dem es zwar keine Kriege mehr gibt, in dem aber die Infantilisierung der Bevölkerung (Sofortbefriedigung, tägliche Bespaßung nach der Arbeit) perfektioniert wurde, Kinder in der Retorte entstehen, Schmerz und Melancholie – und damit jede Tiefe menschlichen Seins dank der Droge „Soma“ aus dem Leben verbannt wurden und in dem Sex mit ständig wechselnden Partnern als Religionsersatz gelebt wird. „Liebe“ kann noch nicht einmal gedacht werden, geschweige empfunden, weil jegliche Bindungserfahrung fehlt bei Menschen, die nicht geboren, sondern fließbandmäßig in der Retorte erzeugt wurden, es gibt keine „Mütter und Väter“ und damit auch kein Urvertrauen, keine Empathie.

Das „Atom“ ist eine Abstraktion – und der Single der Liebling der Konsumgesellschaft

Uns allen wurde die Vorstellung vom Atom –  dem Unteilbaren (atomos) – in der Schule beigebracht, aber ein Atom kann nur unter hohem Aufwand isoliert werden, in der Natur kommt ein Atom OHNE Bindung in einem Molekül nicht vor. Und ein Molekül H2O macht noch kein Wasser: In einem Teelöffel Wasser sind so viele H2O-Moleküle, wie Teelöffel Wasser im Atlantischen Ozean. Es sind die sogenannten Intermolekularen Bindungskräfte, die aus einer astronomischen Zahl von Atomen und Molekülen erst einen „Stoff“ werden lassen wie Wasser, Eisen oder Gold. Eine pflanzliche Zelle ist um Dimensionen komplexer, erst recht eine tierische, resp. menschliche Zelle. Die Komplexität der Interaktionen in der menschlichen Zelle kann mensch mit der Komplexität der Abläufe eines Großflughafens wie Frankfurt vergleichen. Die tierische Zelle ist aber immer gleichzeitig Teil eines Zellverbandes, eines Organs oder Organsystems, das ohne den Organismus als Gesamt nicht zu denken ist. Das menschliche Gehirn kann nur insofern Träger von Bewusstsein und Intelligenz sein, wie die Milliarden Neuronen untereinander vernetzt sind – ein einziges Neuron kann bis zu 10.000 Äste (sog. ‚Dendriten‘) bilden – damit ist das menschliche Gehirn (neben Delphin und Wal) der komplexeste Gegenstand im uns bekannten Universum. Schauen wir also in die Natur, schauen wir auf Beziehung, ein riesiges Geflecht von Beziehungen von Ganzheiten, die immer schon Teile einer größeren Ganzheit sind. Ja selbst Räuber und Beute bilden ein größeres Ganzes: Würde der Tigerhai nicht regelmäßig eine Seekuh fressen, würde sich die Seekuh-Population derart vermehren, dass in Kürze kein Seegras mehr vorhanden wäre und die Seekühe verhungern würden.

Während also die Natur „Beziehung“ ist, vollzieht sich in unserer Gesellschaft ein im Lichte des Guten daherkommender Kampf gegen Bindung und Beziehung, ein Kampf gegen die Familie als Keimzelle unserer Kultur. Obwohl sich die Entwicklungspsychologie darüber einig ist, dass sich das Selbstbild und das Urvertrauen eines Menschen in den ersten drei Lebensjahren entwickelt, wird uns suggeriert, dass ein Kind in der Krippe mit professionellen Erziehern besser aufgehoben ist, als in der Familie. So werden Kinder herangezogen, die konditioniert sind auf Wohlverhalten und Funktionieren – von echtem Selbstvertrauen keine Spur. In der Schule werden sie dann darauf gedrillt, Einzelkämpfer zu werden und sich als Konkurrenten zu sehen, Konkurrenten vor allem um die Anerkennung von außen (Lob, Noten etc. des Lehrers, an dessen Stelle später in der Arbeitswelt der Vorgesetzte tritt). Anerkennung ist die „Möhre“, der die Menschen hinterherlaufen, für die sie das Wertvollste opfern, was sie besitzen: ihre Lebenszeit. Millionen Deutsche spüren keine Freude bei der Arbeit und glauben dennoch, weiter als Sklave mit Schlips und Auto leben zu müssen, um all jene Dinge kaufen oder konsumieren zu können, die versprechen, dass ihr Durst dadurch gestillt wird – sie trinken aber Salzwasser gegen den Durst!

Beziehungsqualität erfahren – und zwar auf direktem Wege

Im Gespräch mit Jens Neumann über die Gewaltfreie Kommunikation kam überraschend zutage, dass es hier zunächst einmal um ein In-Kontakt-Kommen mit sich selbst und den eigenen Bedürfnissen geht. In Liedern und sozialen Medien taucht immer wieder der Ausspruch auf:..“Da (oder: bei diesem Menschen) kann ich sein, wie ich wirklich bin!“ Wir erfahren uns vor allem in der Begegnung mit einem DU und jede Begegnung, sei es in der Familie, unter Freunden oder Kollegen, birgt die Chance des echten Austausches ohne Schutzmauern. Und in dem Maße, wie ein Mensch sich in seinem Facettenreichtum akzeptieren und annehmen kann, also einen liebevollen Blick auf sich selbst entwickelt, werden Begegnungen und Austausch mit anderen zum wahren Reichtum. Je mehr wir lernen authentisch zu sein, werden wir andere ermutigen, selbst authentisch zu sein im Umgang mit uns und desto weniger bedürfen wir Konsumgüter zur Ersatzbefriedigung. Die gesellschaftlichen Folgen wären gravierend und kommen einer Revolution gleich, aber ohne Blut und Korrumpierung!

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