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Völkerschlacht bei Leipzig – Die verratene Befreiung

23. Oktober 2013
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Im Kampf gegen Napoleon 1813 griffen die besten Patrioten zu den Waffen, ihr Ziel war ein einiges und demokratisches Vaterland. Doch auf dem Wiener Kongress wurde die alte europäische Ordnung zementiert. Dazu gäbe es keine Alternative, behauptete das politisch korrekte Biedermeier.

(von Jan von Flocken) Die frisch verheiratete Bettina von Arnim, spätere Erfolgsautorin, berichtete im Frühjahr 1813 Erstaunliches aus Berlin: „Es war seltsam anzusehen, wie bekannte Leute und Freunde mit allen Arten von Waffen zu jeder Stunde über die Straße liefen, so mancher, von dem man vorher sich’s kaum denken konnte, dass sie Soldaten wären.“ Tatsächlich hatten sich damals sogar die älteren Semester über 50 Jahren enthusiastisch zu den Waffen gedrängt, unter ihnen auch die Philosophen Johann Gottlieb Fichte und Friedrich Schleiermacher, der Rechtsgelehrte Friedrich Karl von Savigny und August Wilhelm Iffland, Generaldirektor der Königlichen Schauspielhäuser. Frauen opferten ihren letzten Schmuck und bekamen als Gegenleistung meist nur einen Ring mit der Inschrift „Gold gab ich für Eisen.“ Die verarmte Ferdinande von Schmettau ließ ihr langes blondes Haar abschneiden und verkaufte es für zwei Taler an einen Perückenmacher. Das 15-jährige Mädchen aus Breslau spendete dieses Geld dann für die städtische Kriegskasse.

Diese bis dato unbekannte nationale Begeisterung war nicht zuletzt das Resultat von anderthalb Jahrzehnten französischer Besatzungspolitik. Napoleons unbarmherziges Wirtschaftsregime der Kontinentalsperre brachte viele Deutsche an den Bettelstab, sein aggressiver Eroberungswahn kostete zehntausende junge Deutsche das Leben, sein demütigender Hegemonismus beleidigte die Gefühle der Nation. Doch es bedurfte erst einer verheerenden Niederlage der Grande Armée (die zu fast einem Drittel aus Deutschen bestand) im Russlandfeldzug von 1812, um den revolutionären Funken zünden zu lassen.

Die Wende von Tauroggen

Als der preußische General Johann Ludwig von Yorck bei Tauroggen Ende 1812 auf eigene Faust und entgegen seinen klaren Befehlen das Zwangsbündnis mit den Franzosen löste und sein König Friedrich Wilhelm III. darüber in äußerste Verlegenheit geriet, da meldete der Adjutant des Monarchen, Major Wilhelm Ludwig Graf Henckel von Donnersmarck, Yorcks Tat mit dem sicheren Empfinden, es sei dies „der erste Schritt in die glorreiche Zukunft, die uns vom tiefsten Fall auf den Gipfel des Triumphes steigen sah. Mit ihm begann das Riesenwerk der Befreiung von Tyrannenketten“.

Theodor Körner, der Dichter und Kämpfer, schrieb am 10. März 1813 an seinen Vater: „Deutschland steht auf. Der preußische Adler erweckt in allen treuen Herzen durch seine kühnen Flügelschläge die große Hoffnung einer deutschen, wenigstens norddeutschen Freiheit.“ Und nur eine Woche später erließ Friedrich Wilhelm III. seinen Aufruf „An mein Volk“, in dem er über die rein preußischen Belange hinaus erklärte: „Keinen anderen Ausweg gibt es, als einen ehrenvollen Frieden, oder einen ruhmvollen Untergang. Auch diesem würdet ihr getrost entgegen gehen, um der Ehre willen, weil ehrlos der Preuße und der Deutsche nicht zu leben vermag.“ (…)

Die Restauration

Mit seinem Postulat „Das ganze Deutschland soll es sein!“ gab Ernst Moritz Arndt dem Willen der Nation Ausdruck. Und voll ernster Absicht nannte Johann Gottlieb Fichte seine patriotischen Vorlesungen ab 1807 „Reden an die deutsche Nation“. Doch schon 1815, kurz nach dem Endsieg über Napoleon und dem Beginn der nationalen Renaissance, galten jene patriotischen Studenten, die ihrer Burschenschaft in Jena die Parole „Ehre, Freiheit, Vaterland“ voranstellten, als gefährliche Staatsfeinde, welche politisch unkorrekten Ungeist ausstreuten. Alle in der Stunde der Not 1813 gegebenen Versprechungen auf nationale Einheit und liberale Verfassungen wurden nicht erfüllt. Die 35 deutschen Fürsten und vier Hansestädte, vom Ausland fremdbestimmt, beharrten auf Kleinstaat und Gottesgnadentum, auf Zensur und Entmündigung.

Bei uns Deutschen saßen die Verräter schon damals hauptsächlich in den eigenen Reihen. Auch vor zwei Jahrhunderten hatte die herrschende politische Klasse für berechtigte Anliegen des Volkes am Ende nur Hohn und Phrasen übrig. Anstelle des Nationalstaates trat eine zwangsweise herbeigeführte gesamteuropäische „Heilige Allianz“, deren Abgott der Status quo bildete – angeblich alternativlos. Für alle Zeiten sollte das deutsche Volk als schlafmütziger Michel in dieser ungeliebten Allianz zu Ohnmacht und Kleinstaaterei verurteilt bleiben. Die List der Geschichte hat bekanntlich 1871 anders entschieden.

Die Behauptung, jene gesamteuropäische Diktatur der „Heiligen Allianz“ habe wenigstens von 1815 bis 1848 einen allgemeinen biedermeierlichen Frieden gesichert, ist ebenso langlebig wie falsch. Diese Allianz hat Kriege genauso wenig verhindert wie heutzutage die Brüsseler EU. Schon 1823 drangen französische Heere über die Pyrenäen nach Spanien ein, um dort eine nationale Revolution blutig zu unterdrücken. 1825 wurden in Russland die liberalen Dekabristen ebenso niederkartätscht wie 1830/31 die nach Unabhängigkeit strebenden Polen. 1827 löste ein Aufstand der Griechen gegen die türkische Fremdherrschaft auf dem Balkan einen europäischen Konflikt aus, was Frankreich und Großbritannien zur Intervention ihrer Kriegsflotten veranlasste; Russlands Kriegserklärung an die Türkei erfolgte ein Jahr später. 1830 begannen die Franzosen ihre mörderischen Kolonialfeldzüge in Nordafrika, und die Marine der Briten zwang Millionen Chinesen mit Waffengewalt ihr todbringendes indisches Opium auf. Im zeitlichen wie ideologischen Kontext erhob auch schon der USA-Imperialismus weiland seine raffgierige Faust. Er verwickelte den nahezu wehrlosen Nachbarn Mexiko 1846 in einen kriegerischen Konflikt, um am Ende fast die Hälfte dieses Landes einschließlich Kaliforniens zu okkupieren.

Das verratene Jubiläum

(…) Wenn Politik und etablierte Medien das 200-jährige Jubiläum des deutschen Befreiungskampfes in diesem Jahr mit hochmütigem Schweigen übergehen, so liegt das nicht nur im fehlenden Mut zur Geschichte begründet. Höchstens lässt man sich herbei, alle herausragenden Gestalten der deutschen Erhebung zu denunzieren. Der „Turnvater“ Friedrich Ludwig Jahn, Begründer von Deutschlands Ruf einer führenden Sportnation, gilt als Chauvinist, Arndt als Antisemit, Körner als Kriegshetzer, Heinrich von Kleist als Neurotiker.

Der Sozialist Friedrich Engels, dem man ein gewisses Maß an Patriotismus nicht absprechen kann, urteilte hingegen über die Bewegung von 1813: „Dass wir uns über den Verlust der nationalen Heiligtümer besannen, dass wir uns bewaffneten, ohne die allergnädigste Erlaubnis der Fürsten, ja die Machthaber zwangen, an unsere Spitze zu treten, kurz, dass wir einen Augenblick als Quelle der Staatsmacht, als souveränes Volk auftraten, das war der höchste Gewinn jener Jahre.“

Artikel vollständig lesen in COMPACT 10/2013